Zwischen den Zeilen 2017
Zwischen den Zeilen….

lesen, das ist ganz schwierig, nie eindeutig, nur mit viel Phantasie zu deuten, vielleicht vielsprechend, in manchen Fällen weiterführend und aber auf jeden Fall interessant.

Voraussetzung ist, dass man lesen kann. Beim Lesen eines Buches entsteht in einem selbst eine andere Welt, man taucht ein und unter in das Geschehen.

Dann gibt es Sätze mit Aufforderungscharakter:
„Verkauf beginnt, wenn der Kunde „Nein“ sagt.“
Da steht auch Einiges zwischen den Zeilen.


Dann Sätze über die man nachdenken sollte:
„Ich habe keine Zeit“ ist ein untrügliches Zeichen für Mittelmäßigkeit.“
„Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“
„Einträchtig wie zwei Fahrgäste, die den gleichen Zug verpasst haben“

Dann die Sprichwörter, die vor allen Kindern nicht sofort plausibel sind:
„Lügen haben kurze Beine“
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“
„Links ist da, wo der Daumen rechts ist“

Alle diese Sätze lassen viel zu, was zwischen den Zeilen stehen könnte, aber das ist nicht das, was ich meine.

Die Bücher und Kolumnen von Wladimir Kaminer lese ich gern und auch da lese ich viel zwischen den Zeilen, oft weit mehr, als gedruckt zu sehen ist. Das, was zwischen den Zeilen steht, ist aufschlussreicher.

Doch das ist auch nicht das, was ich meine.

Das wirkliche zwischen den Zeilen lesen betrifft mehr die Liebe. Die scheue Liebe,
unbeholfene sparsame Briefe oder Zettelchen, die man in der 12. Klasse zugesteckt bekam.
Die einen erröten ließen, völlig harmlos zwar, – aber was zwischen den Zeilen stand, war umwerfend.
Und dann gibt es noch die Friedhöfe, alte Friedhöfe oder Friedhöfe in fernen Ländern.
Die Inschriften auf den Grabsteinen sind es immer wieder, die mir Anlass zum „zwischen den Zeilen lesen“ geben.
Ganze Schicksale und Familientragödien eröffnen sich da.

Und jetzt treffen sie sich wieder, die Liebe und der Tod, wenn darüber geschrieben wird, gleicht es einem Eldorado für den, der gerne zwischen den Zeilen liest.


Marlene Wieland, 6.5.17







Autor: Marlene Wieland (84 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Auf die obige Frage kann ich nicht mit einem Wort antworten, es ist so vieles ........aber ich würde das nicht unbedingt als "Schaffen" bezeichnen. Es ist mehr ein freudiges Erlebnis, wenn ich mich versuche auszudrücken. Man möchte ja verstanden werden. Mir geht es auch darum, dass ich Klarheit schaffe für mich selber.
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