Windspiel
l. Er lehnt sich hinaus und schreit „Carapungo!“, übertönt dabei mit seiner durchdringenden die Musik. Die Menschen geben ihm das Geld in die Hand und gehen weiter. Bei der nächsten parada steigt ein Verkäufer ein, der Busfahrer schaltet die dröhnende Musik aus und wir erleben eine akustische sowie audiovisuelle Präsentation von Zahnbürsten. Da wir in Richtung Quito fahren, steigen immer mehr Leute zu. Ich merke, wie es im Bus stickiger wird, der Geruch nach gefüllten empanadas verteilt sich und eine Frau beginnt einen Monolog über Gott.

ll. Während die anderen unermüdlich darüber diskutieren, ob sie Leon umbringen sollen, untersuche ich meinen Fuß. Er fühlt sich heiß an und ich versuche, den Juckreiz zu ignorieren. War Leon der Mörder? Keine Ahnung, das ist mir echt egal. Vermutlich waren da zwei Arten von Mücken am Werk. Denn während die einen Male einheitlich rot sind, stechen die anderen durch ihr ungewöhnliches Design hervor. Die Haut ist verhärtet und weißlich, nur in der Mitte prangt ein winziger roter Punkt. Inzwischen sind die anderen zu dem Schluss gekommen, dass Leon kein Mörder sein kann. Jetzt dauert es nur noch eine Stunde, bis sich entschieden haben, wen sie umbringen und die zweite Nacht beginnt.
Wir sind auf dem Rückweg und während sie Mafia spielen, schaue ich hinaus und denke nach. Ist es nicht seltsam, dass nur das jetzt existiert? Das was vor fünf Minuten war, ist nur Erinnerung, aber keine Realität mehr. Und trotzdem beschäftigen wir uns mit all dem Erlebten, das wir in unserem Kopf konservieren und wieder aufleben lassen. Unsere erst vor Kurzem in Vergangenheit konvertierte Realität fand im Nebelwald statt. Wir schlafen in Holzhütten, in einem Garten voller Bananenstauden. Wir hören das Rauschen von Wasser, das den Felsen hinunter prasselt. 15 Meter in die Tiefe fallen, ins schäumende Wasser, das dich mit sich zieht. In der Nacht herumrennen, hinter den langen Schatten der Pflanzen verstecken, schreien, lachen. Nackte, dreckige Füße am Asphalt und wir, auf einmal so viel Unbeschwertheit fühlend.

lll. Das Meerschweinchen hat eine bräunliche Farbe, es liegt friedlich da, der Körper ist in die Länge gestreckt, die dunklen Krallen sind zu sehen. „Es lächelt“, beruhigen sie mich. Ich schneide das knusprige Fleisch durch, spieße es auf die Gabel und beiße hinein.

lV. Sie liegt auf mir und drückt mich mit ihrem Gewicht in den Boden. Ich schnaufe und versuche, mich zu befreien. Sie hält jedoch meine Arme fest, meinen Oberkörper kann ich ebenso wenig bewegen. Ihren Unterarm schiebt sie auf meinen Hals zu. Ich reiße meine Augen vor Schmerz auf, ein erstickter Laut kommt aus meinem Mund. Ihre Augen sind schmal, der Blick wirkt bestimmt. Ich werde nervös, strampele mit den Beinen. Das zunehmende Gefühl von Panik macht mich stärker. Schließlich kann ich mit meinen Beinen ihre umschlingen, der Druck auf meinem Hals lässt nach.
Dann ist es aus. „Gut gemacht“, sagt er, „Die Nächsten.“ Zwei kommen auf die Matte, knien sich einander gegenüber hin. „Begrüßt euch, schlägt ein, fängt an.“

V. Auf unserer Terrasse hängt ein Windspiel. Erst hier habe ich gemerkt, dass es einen der für mich schönsten Klänge erzeugt- sobald ein Wenig Wind weht, eine immer gleiche Melodie. Vermutlich vermisst man einen großen Anteil an Dingen nicht, weil sie besonders und einzigartig wären, sondern weil man sie mit zuhause verbindet. Mit dem, was nicht in Hyroglyphen geschrieben ist. Es ist kräftezehrend, alles erst entschlüsseln zu müssen. Und es tut es weh, zu spüren, wie weit ich weg bin von dem, was ich liebe.
Und trotzdem suchen wir nach etwas, das jetzt noch nicht da ist. Wer weiß, wie groß der Teil ist, den wir tatsächlich finden werden. Vielleicht gibt es einiges außerhalb unserer Phantasie gar nicht, da wir nur davon geträumt oder als Kind durch ein Buch, das uns vorgelesen wurde, davon gehört haben. Und doch machen wir uns auf, um es zu finden, denn es ist nicht abzustreifen, dass es eine Anziehung ausübt auf uns- das Unbekannte.


Autor: Hannah Fink (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich schreibe, seit ich klein bin.
Über mich und die Welt um mich herum.
In meinen Texten findet sich sowohl Erfundenes als auch Erlebtes.
Ich schreibe, um meine Gedanken und Erfahrungen zu verarbeiten und so in schriftlicher Form aufzubewahren.
Quelle: eigenes