Wenn
Wenn
Ich in Struthof
Den Nebel über die Berge
Im frühen Morgengrauen erlebt hätte,
Welche Farbe wäre wohl mein?
Rot, wie die anders Denkenden,
Rosa, wie die anders Fühlenden,
Gelb, wie die anders Glaubenden,
Grün, wie die anders Handelnden,
Oder
Schwarz, wie die alles Bestimmenden?

Wenn
Ich in Struthof
Die letzten wärmenden Strahlen der versinkenden Sonne
Gefühlt hätte,
Welche Gedanken wären wohl mein?
Eng umschlungen über die Boulevards,
Verliebt in einem Bistro sitzend,
In Paris, Bordeaux, Nîmes,
Oder
Die Frau in der Heimat,
Der gefallene Kamerad, 1943,
In einem namenlosen Schützengraben an der Ostfront,
Die freiwillige Meldung zur SS?

Wenn
Ich in Struthof
Die Schläge des KAPO
Mit meinen Augen gesehen hätte,
Welche Gefühle wären wohl mein?
Tränen, die den Schmerz empfinden,
Schreie, die den Hass äußern,
Oder,
Gebrüll, das nach Macht giert,
Würgen, das den Selbstekel verrät?

Wenn
Ich auch in Struthof nicht gewesen bin,
So wird es vielleicht einen anderen Namen tragen,

Welches Handeln wäre dann mein?


Autor: Roman Schafnitzel (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben ist meine Passion. Leben ohne Schreiben wäre langweilig und leer.
Quelle: Roman Schafnitzel, "Am siebten Tag erschuf Gott die Vergänglichkeit", Rhein-Mosel-Verlag 2011