Unvergessliche Begegnungen
Später machte ich Bekanntschaft einer ganz besonderen älteren amerikanischen Dame, Rosamond Carr. Ich werde sie in meinem ganzen Leben nie vergessen. Manchen Lesern ist sie vielleicht bekannt. Ihre Biografie, „Land der tausend Hügel“, erschien 2000 und ist mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt worden. Madame Carr war in Ruanda eine Institution, die man gerne in Mugongo, weit oben in den Bergen Ruandas, besuchte, wo sie von 1949 bis 1997 lebte. Dort hatte sie mitten in ihrer Blumenzuchtplantage ein Waisenhaus errichtet, in dem sie zahlreichen ruandischen Kindern, die vom Genozid mittelbar betroffen waren, ein Zuhause gab. Es war dort oben so schön, dass man es für das Paradies auf Erden halten konnte, und sie empfing ihre Besucher immer so, als ob man sich schon jahrelang kennen würde. Rolf und ich machten uns eines Sonntags das erste Mal auf den Weg zu ihr. Es war üblich, dass man Madame Carr eine Kleinigkeit mitbrachte. Etwas zu essen vielleicht, einen nützlichen Gebrauchsgegenstand oder auch handwerkliche Einsatzfreude, die dann vor Ort umgesetzt wurde. Madame Carr nannte irgendetwas, was dringend repariert werden musste, und die Arbeit wurde ausgeführt. Rolf mit seinen unglaublich vielseitigen praktischen Fähigkeiten war dafür der richtige Mann. So kam es, dass wir sie öfters besuchten. Selbstverständlich lud sie uns immer zu Tee und Gebäck in ihr überaus geschmackvoll eingerichtetes Wohnhaus ein. Beim ersten Besuch zeigte sie uns das gesamte Gelände einschließlich des Waisenhauses mit „ihren“ Kindern. Eigene Kinder hatte sie keine, aber sie zählte über 100 Waisenkinder zu ihrer Familie. An das erste Gespräch in ihrem Wohnzimmer kann ich mich noch genau erinnern. Fasziniert hörten wir der weißhaarigen, stilvoll gekleideten Dame zu, als sie uns viele Episoden aus ihrem Leben erzählte. Doch plötzlich wurde sie ganz sentimental, als sie von ihrer Freundschaft mit Diane Fossey berichtete. Dort in den Bergen hatte die amerikanische Biologin das Leben der Gorillas erforscht. Monatelang hatte sie mit den Tieren zusammengelebt, bei Madame Carr war sie immer wieder gerne zu Gast. Doch eines Tages wurde Diane Fossey von Wilderern ermordet. Ein schmerzlicher Verlust für Madame Carr, der sie noch Jahre später sichtlich berührte. Zu ihrem großen Glück, und an dieser Stelle hellte sich ihr Gesicht wieder auf, wurde der Film „Gorillas im Nebel“ gedreht, der das Leben und Werk von Diane Fossey erzählt. Stolz zeigte sie uns Fotoalben mit Bildern von ihr mit der Forscherin und auch von den Dreharbeiten später. Einige Szenen wurden damals auch auf ihrem Grundstück gedreht. Allerdings übernahm eine Schauspielerin die Rolle ihrer Person, im Gegensatz zu ihrem langjährigen Hausangestellten, der selbst im Film auftrat.
Als ich mir den Film nach meiner Rückkehr zu Hause in Deutschland ansah und einige Jahre später Rosamond Carrs Biografie gelesen hatte, konnte ich kaum glauben, mit so einer außergewöhnlichen Frau wenige Jahre zuvor bei einer gemütlichen Tasse Tee geplaudert zu haben. Ihre Einstellung zum Leben, ihr Umgang, ihre Lebensweise und ihr humanitärer Einsatz hatten einen sehr nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen.


Autor: Almut Benfer-Breisacher (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Menschen begegnen sich. Manche Begegnungen sind flüchtig. Manche sind so intensiv, dass sie uns in Erinnerung bleiben. Durch die Begegnung erhielten wir vielleicht einen Impuls, eine Anregung für einen weiteren Schritt in unserem Leben.
Solche Begegnungen sind wertvoll und können für die konstruktive Bewältigung unseres Alltags nützlich sein. Deswegen lohnt es sich, den Wert unvergesslicher Begegnungen zu schätzen.
Quelle: eigenes