Das Schöne wahr- und aufnehmen können
Wir machten uns frühmorgens auf den Weg zu dem gemeinsamen Treffpunkt. Dort warteten bereits der Ranger und militärischer Begleitschutz, die uns zu der Stelle begleiten sollten, an der sich die Gorillas wahrscheinlich aufhalten würden. Die Wanderführer kannten den Lebensraum und die Lebensweise der Berggorillas so genau, dass sie die aktuellen Aufenthaltsorte einschätzen konnten. Zu siebt – ich war die einzige Frau – plus zwei Begleiter machten wir uns auf den Weg. Eine mehrstündige anstrengende Wanderung lag vor uns. Das Ziel befand sich auf etwa 2500 Metern Höhe. Der Weg führte uns über Wiesen und Maisfelder stets bergauf, dann erreichten wir die Grenze von Bambusgehölz. Bis dahin konnten wir noch einen Baum vom anderen unterscheiden, die majestätisch in den Himmel ragten. Doch dann veränderte sich die Struktur des Waldes und wir marschierten durch regelrechtes Dickicht. Es wurde immer feuchter, das Vulkangestein immer glitschiger und der Weg steiler. Ab und zu rutschten wir sogar aus. Ich spürte, wie der Schweiß aufgrund der Luftfeuchtigkeit und der außerordentlichen Anstrengung über mein Gesicht und meinen Körper lief. Wir sprachen immer weniger, jeder musste sich auf sich und seine Kräfte konzentrieren. Schließlich umringte uns nur mehr Dickicht, nur wenige Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Geäst. Manchmal gab uns das Geflecht aus verschachtelten Ästen von Bäumen und Büschen Halt. Doch manchmal versanken wir beim nächsten Schritt bis zu den Oberschenkeln darin. Es kostete uns viel Mühe und Kraft, das Bein aus solchen Löchern wieder herauszuziehen. Ich hatte das Gefühl, an meine körperlichen Grenzen gekommen zu sein. Aber jeder Teilnehmer respektierte die Kräfte des anderen und wir nahmen aufeinander Rücksicht. Rolf reichte mir glücklicherweise irgendwann seine Hand und ging vor mir her. Plötzlich blieb der Ranger stehen. Wir waren im Areal der Berggorillas angelangt. Wer jetzt noch etwas essen wollte oder seine Notdurft verrichten musste, konnte es an diesem Ort ein letztes Mal tun. Der Ranger versicherte sich noch einmal unseres Gesundheitszustandes und machte uns darauf aufmerksam, dass wir ab nun nicht mehr miteinander sprechen durften. Mit Gänsehaut, Vorfreude und großem Respekt setzte ich meine Füße auf das Heimatgebiet der Gorillas. Circa eine Stunde wanderten wir weiter, bis der Ranger plötzlich anhielt und einen Zeigefinger auf die Lippen legte. Flüsternd und in leicht gebückter Körperhaltung wies er mit dem ausgestreckten Zeigefinger der anderen Hand in die Richtung, in der sich die Gorillas aufhielten. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Langsam schlichen wir uns an, bis wir unmittelbar bei ihnen waren. Staunen, große Faszination und ein unbeschreibliches Gefühl von Ehrfurcht und Respekt überwältigten mich. Ich beobachtete sie, in ihrem Wesen und Sein, ihren Bewegungen, Reaktionen, Blicken und Umgang untereinander. Sie hatten so menschliche Züge, ihre Gesten waren, als würde ich genau verstehen, was sie ausdrücken wollten. Wir fühlten uns in der Heimat der Gorillas als Gäste willkommen, wenngleich der Silberrücken, der Älteste männliche Gorilla, sich schon bald von seinem Platz erhob, an uns vorbeistreifte, als wollte er uns zu verstehen geben, dass wir als Besucher gern gesehen wären, aber er nach wie vor der Chef sei. Wir respektierten diese ausdrucksstarke Geste. Nach einer Stunde machten wir uns an den Abstieg. Abends lag ich völlig erschöpft in meinem Bett. Aber mit dem Gefühl, um ein wunderbares Erlebnis reicher geworden zu sein, verbunden mit tiefer Dankbarkeit für diese unvergessliche Begegnung.


Autor: Almut Benfer-Breisacher (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Es ist mir ein Anliegen, mich selbst und andere Menschen anzuhalten, sich mit den eigenen Fähigkeiten auseinanderzusetzen, mit denen wir die Herausforderungen unseres Alltags meistern. Dazu gehört auch, aufmerksam für schöne Dinge und Erlebnisse zu sein. Denn im Bewusstsein dieser schönen Dinge gelingt es uns eher, mit den schwierigen Alltagssituationen konstruktiv umzugehen.
Quelle: eigenes