So bin ich
So bin ich

Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott.
Und Gott schuf "So bin ich".
Er schaute auf ihn und er gefiel ihm sehr gut, denn er war ein besonderes
Blümlein Gottes.
Die Menschen hefteten ihm das Etikett Down-Syndrom an.
In der Gemeinde, die "So bin ich" besuchte, beschäftigten sich die Mitglieder
mit den gleichen Problemen wie viele christliche Gemeinschaften.
Woher sollte das Geld für die Restaurierung des Daches kommen?
Warum kamen immer weniger Menschen zu den Gottesdiensten?
Wie konnte die Jugend wieder empfänglich für die Botschaft von Jesus
werden?
Aus welchen Gründen kehrten viele der Kirche ganz den Rücken?
Wo waren die Gläubigen, die Bereitschaft zeigten, Verantwortung zu
übernehmen und zu dienen?
"So bin ich" hingegen war einer jener, die glaubten wie ein Kind.
Manchmal ergriff er zur Überraschung aller zum Ende der Messe das
Wort und ließ seine Schwestern und Brüder ohne Falsch an seinem
Leben teilnehmen. Er erzählte von seiner Liebe zu Jesus. Er weinte, wenn
er traurig war. Er lachte, wenn er etwas Lustiges erzählte und pries Gott,
wenn ihn das Glück übermannte.
Im Alltag verstand er manches nicht so schnell. Manches verstand er
gar nicht.
Sehr vieles aber verstand er besser - mit dem Herz.
Frohgemut stellte er sich den Aufgaben, die ihn nicht überforderten.
Lobte ihn jemand, erwiderte er mit breitem Grinsen und ungeheuchelter
Freude: "So bin ich".
Er war langsamer in seinen Aktionen, denn seine Zeit war immer da
und passte nicht in Messgeräte. "So bin ich" merkte, wenn die Menschen,
die unsicher gegenüber seinem fremden Aussehen waren, ihn anstarrten.
Schenkte man ihm Mitleid, verweigerte er die Annahme, denn der Sinn
des Geschenks erschloss sich ihm nicht.
"So bin ich" erschütterte mit seiner Ehrlichkeit und seiner Authentizität
die Wertvorstellungen der Masken tragenden Gesellschaft, doch er besaß
alles, was Gott den in Wahrheit Lebenden mitgibt. Nicht erstrebenswert
fand "So bin ich" Karriere, Macht, Ruhm und Reichtum.
Deshalb fanden es viele Menschen unmöglich, dass Geschwister wie er
"in der heutigen Zeit mit ihren Möglichkeiten" das Licht der Welt einer
Leistungsgesellschaft erblickten.
Doch in ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht
erfasst (Johannes 1, 4-5).
"So bin ich" entsprach nicht der langweiligen Norm. Er war anders
begabt. Vor Gerichten versuchte man gelegentlich, seinesgleichen als
Schadensfall zu definieren, da der das Wachsen im Mutterleib begleitende
Arzt die Besonderheit nicht erkannte und ungewollt ein Leben rettete.
Oft aber fand "So bin ich" Verständnis bei "So wurde ich".
Lag das Ausgrenzen von "So bin ich" daran, dass die großen "So sind
sie" den kleinen "So werden sie" immer weniger das wahre Menschsein
nach Gottes Plan und seiner Schrift lehren?
"So bin ich" fühlte sich wertvoll, von Gott geliebt. Ohne Wenn und Aber.
Eines Tages wird eine kälter werdende Welt den Namen von "So bin ich"
vergessen haben.
Nur in Gottes Buch des Lebens, da steht er:
Unauslöschlich.
Fettgedruckt.


Autor: Hans - Georg Wigge (58 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Viele dieser liebenswerten "Blümlein Gottes", von denen ich einige kenne, erblicken bei vorgeburtliche Diagnose "Down-Syndrom" nicht mehr das Licht der Welt (90% der werdenden Eltern entscheiden sich für die Abtreibung).
Darüber möchte ich nicht urteilen, sondern unsere Leistungsgesellschaft mit obigem Text kritisch hinterfragen.
Quelle: Publikation "Sola Scriptura" Wittenberger Kirchenkreis