ohne gewicht
die tage gehen
ohne gewicht
hin und wieder verbrennt
mohn in den gärten
hin und wieder löscht
der winter wiesen und wege
in den nächten wandere ich
durch das dunkle gestrüpp der zimmer
in der küche die großmutter
reicht mir milch
die schmeckt nach vanille und butt
sie hütet die brüder wie lämmer
spinnt wolle zu fäden
die wärmen und halten die welt
in der stube die mutter
weht durch die türen wie schnee
deckt alles zu
den frühling
den sommer
den vater
der schläft nicht weit
in den zweigen der zeder
ich öffne das fenster
gegen morgen
hör ich ihn singen


Autor: Ingeborg Brenne-Markner (67 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Eine Kindheits- und Jugenderinnerung - manches war schön, manches schwer, wie sicher bei allen Menschen. An den Tagen blieb alles an der Oberfläche, aber in der Nacht, wenn Zeit war zum Nachdenken, wurde alles klarer. Die Großmutter war meine wichtigste Bezugsperson, die alles zusammengehalten hat. Sie war ein Engel und sah mit ihrem weichen weißen und lockigen Haar, das sie meistens zu einem Knoten zusammenfügte, auch so aus. Für sie und für meinen leider sehr früh verstorbenen Vater habe ich das Gedicht verfasst. Die Arbeit an diesem Text war wie das Anfertigen eines Mosaiks. Oft sind Mosaiksteine sehr scharfkantig, aber im Laufe der Zeit, wenn man sie zu einem Bild zusammenfügt, werden ihre Ränder glatter und weicher. Alles wächst mit den Farben und wird heller und deutlicher.
Quelle: Lyrikpostkarte