Zwischen den Zeilen...
Als ich diesen Titel las, fielen mir sofort die 25-Worte-Karten meines Vaters ein. 
Doch dann dachte ich, dass es nicht so war, dass man zwischen den Zeilen lesen konnte, man musste sehr viel überlegen, hin und her denken und raten. 
Dann wieder fand ich, dass es doch „Geschichte“ ist und wenn ich nicht darüber schreibe, versandet das und gerät in Vergessenheit. 
Wir alle sind oft unzufrieden und als ich das dachte, war die Sache geritzt. Ich muss jetzt schreiben. 

Mein Vater geriet 1943 in russische Gefangenschaft und wurde Weihnachten 1949 entlassen. 
Er kam in ein Erholungsheim in Bad Pyrmont und bekam am 1. Mai 1950 in Hildesheim eine Wohnung. 
Wir, meine Mutter, mein Bruder und ich wurden in Magdeburg ausgebombt, gingen nach Schlesien, von dort flüchteten wir in die Nähe von Dresden. Dann flüchteten wir noch einmal nach Bad Schandau, weil alle der Meinung waren, der Russe käme nicht über die Elbe. Letztendlich landeten wir in der Schweiz in einem Rückwandererheim (Flüchtlingslager) in Interlaken. 
Mein Vater galt als vermisst. Vom roten Kreuz bekamen wir ca. 47 die Nachricht, dass er am Leben war und dann kam die erste Karte: 

Die Gefangenen durften damals Karten schreiben mit nur 25 Worten. 
Es war eine Weihnachtskarte auf der oben ein Tannenzweig gemalt war und in diesem befanden sich auch gemalt die Worte „Herzliche Weihnachtsgrüße“ und links außen befand sich ein rotes Herz mit einer Kerze: 
„der lieben Mutti und Euch! Eure – jetzt kam ein Pfeil, der auf das gemalte Herz zeigte – gerettet, alles andere verloren. Hoffentlich 48 wieder Geschenke möglich. Betet, arbeitet, macht Elternhaus und Vaterland Ehre! Alle 3 küßt herzlich Vater. 

Da gab es keine Rätsel – wir wussten jetzt, dass man statt Worten auf Gemaltes zeigen kann. 

In einer anderen 25 Worte Karte stand: „Eintreten wie Onkel Helmuths 3. Pfingsttag…. „Helmuth war der Bruder meiner Mutter, was hatte er nur am 3. Pfingsttag gemacht??? Rätsel über Rätsel. 
Dann“ Besonderes Gedenken. Französisch gelernt? Wöchentlich andere Fabrik. Direkt unmöglich. Nachrichtenlos, letzte 30.12. Worms, Gr.Gerau, Jülich, Dormagen, Ülzen, Salzwedel. Gesund bleiben, Aushalten, herzlichst Axel“ 

Dazu muss ich erklären, dass die Schweiz neutral war und keine Briefe nach Russland sandte. 
Dies aber wussten wir nicht, denn die Briefe kamen auch nicht zurück. Was mein Vater mit obiger Karte sagen wollte war, dass wir unsere Post an die jeweiligen Direktoren der dortigen Zuckerfabriken (mein Vater kannte diese alle) schicken sollten. Wir als Kinder hatten keine Ahnung und meine Mutter kam auch nicht darauf. 
Dann aber bekamen wir Nachricht von einem Freund meines Vaters, der folgende Karte erhalten hatte: 
„Brief hocherfreut. Familie: (Mutter, Schwiegermutter(Kreuz als Todeszeichen) Brüder vermisst, Schlesienbesitze vernichtet, Magdeburg ausgebombt) „Rückwanderheim Interlaken“ 
Beiderseitige unmittelbare Postverbindung unmöglich. Letzte Dezembernachricht. Sei Postillion! Gesundbleiben! Gruß Axel“ 
Dieser Freund kapierte und klärte uns auf, außerdem übernahm er die Rolle des Postillions. 
Wir schickten von nun an alle Post für meinen Vater an ihn und er beförderte sie weiter. 

Es würde zu weit führen hier alles zu erwähnen, aber einmal hieß es „Offenbarung 22,12“ 
Da brauchte man nur die Bibel aufzuschlagen und las dann – siehe ich komme bald……was aber noch lange nicht der Fall war… 

Zu meiner Konfirmation las ich Offenbarung 3,11: Halte was Du hast, damit niemand Deine Krone nehme…. 

Letzte 25er Karte: 
„Euch allen Lieben innigste Weihnachtsgrüße, herzlichste Neujahrswünsche. Hoffentlich letztmalig getrennt. Schlecht: Augen, Zähne, Weißhaar, Gedächtnis 
Gut: Gesundheit, Winterkleidung, Verpflegung, Heizung. 75kg In Liebe Axel“ 

In der letzten Reihe lasen wir anderes zwischen den Zeilen, doch irrten wir wahrscheinlich, denn mein Vater ließ auf die russische Bevölkerung nichts kommen, der Russe ist gutmütig, sagte er. Und 75kg bei einem Gefangenen mit 1.86 waren nicht unterernährt zu dieser Zeit. 

Danach gab es keine Beschränkungen mehr, was die Worte anbelangte. Die Gefangenen durften Briefe schreiben. Wahrscheinlich nur einmal im Monat oder alle 14 Tage, aber das weiß ich nicht mehr. 


Autor: Marlene Wieland (84 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Dabei wollte ich dies zur Kenntnis geben für die, die keinen Krieg erlebt haben
Quelle: Autor