Reibungslos
Reibungslos

Geburt nach 9 Monaten
Ohne Komplikationen
Ohne viel Stress oder Schmerz für meine Mum
Klare Kindheit
Viele Freunde
Wenige Fälle
Auf das Knie oder den Kopf
Rumturnen
Auf Spielplatzschaukeln
Und Sofakanten
Ohne große Verletzungen überstanden


Sandkuchen gebaut
Seifenblasen tanzen lassen
Im sanften Frühlingslüftchen
Schlösser und Burgen erstürmt
Unter wilden Kampfesschreien
Den Prinzen geheiratet
Auf einem weißen Pferd
Und auf Inseln entspannt

Schule reibungslos absolviert
Familie, Freunde
Kaum Disput

Reibungslos
Passend
Wie Kakaopulver und Milch
Reibekuchen und Apfelmus
Kohl und Braten
Marmorkuchen und Sahne
Marmorierter Pudding IM und AM Kindermund
Wie Milchreis mit Zimt
an einem kalten, verregneten Abend in der warmen Stube
Einfach reibungslos

Und später dann
Traummann gefunden
Und Traumjob
Mit passend Geld
Viel Verantwortung
Na, das gefällt
Arbeit, Job und Mann beisammen
Kinder bekommen
Zwei an der Zahl
Geburt nach 9 Monaten
Ohne Komplikationen
Ohne viel Stress oder Schmerz – für mich

Alles reibungslos
Passend
Wie Kakaopulver und Milch
Reibekuchen und Apfelmus
Kohl und Braten
Marmorkuchen und Sahne
Marmorierter Pudding IM und AM Kindermund
Wie Milchreis mit Zimt
an einem kalten, verregneten Abend in der warmen Stube
Einfach reibungslos

So hätte mein Lebenslauf aussehen können
Doch die Wirklichkeit ist nun einmal wirklich – anders
Sieht anders aus als diese glatt geschliffene Biographie.
Windet sich um Hindernisse, Hügel und Berge, die auf dem Pfad des Lebens emporragen
Ich war eine Frühgeburt
Doch ich überlebte
Entwickelte mich gut
Als Kind fiel ich so oft hin, dass es schon eine Seltenheit war, wenn ich aufrecht stand
Von der Sofakante fiel ich
Eine Narbe mehr im Gesicht
Trotz Warnung meiner Mum
Ich kam, sah und fiel.

Im Schwimmbad ging ich baden
Ohne die Fähigkeit zu schwimmen
Geschweige denn Schwimmflügel
Die Schule absolvierte ich mit Bestnoten
Dafür blieb ich auf sozialer Schiene auf der Strecke
Meine Eltern trennten sich, als ich 12 Jahre alt war
Da waren diese Albträume
Von Schlächtern
Dunklen Wächtern
Mördern
Jägern
Waffen
Unmut
Und Blut
Sie ließen mich aufschrecken aus dem Schlaf
Oder hielten mich wach
Sind wie ein zweiter Schatten, der mir überallhin folgt
Ein Freund von mir hat mal gesagt: Menschen verändern sich, aber Erinnerungen nicht.
Wie wahr das doch ist.

Bei den Männern fühlte ich mich immer an eine Maus erinnert, die von einem Stück Käse angelockt in eine Falle tappt
Ich war die Maus bei diesem Gedankenspiel
Und viel gebracht hatte mir diese Erkenntnis nicht
Schließlich war ich schon oft genug auf den Käse hereingefallen
Hatte ihn genossen
Und ihm vertraut
Hätte wohl wissen sollen, dass er gleich wieder abhaut
Und mich zurücklässt
Mit einem Stück Käse im Mund
Und Hunger auf mehr
Mit einem Stück weniger im Herzen, das sich traut, wieder Vertrauen aufzubauen.

Doch genug davon.
Es reicht
Geschafft
Bin ich jetzt
Und war es schon so oft
Doch was bringt das Gejammer
Das Schicksal wird seine Arbeit tun
Es ist ein Workaholic
Wie ein Bankchef, der auf seinen Erfolg abzielt
Und dabei die Gefühle der Angestellten missachtet

Also schreibe ich das hier
Und kann nur vermuten, dass es einem von euch ähnlich geht
Und dass eure Biographie auch den Worten „reibungslos“ und „passend“ entgegensteht
Wie der Boxkämpfer seinem Rivalen im Ring
Also, lasst uns zusammen Kakaopulver mit Milch trinken, dazu Kohl und Braten verspeisen, in andere Welten reisen, in denen es laufend Marmorkuchen mit Sahne und marmorierten Pudding gibt und Milchreis mit Zimt, der nicht dick macht – sondern einfach nur glücklich.


Autor: M. Bokelmann (25 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Dieser Text ist im Jahr 2013 entstanden, als ich mich gerade im Bachelorstudium befand. Inspiriert wurde ich dabei vom Leben selbst. Durch den Gedanken daran, wie ein perfektes Leben aussehen könnte und wie mein Leben dem gegenüber tatsächlich aussieht. Und schließlich hatte ich die Erkenntnis, dass kein Leben perfekt ist, dass es also ganz normal ist, Höhen und Tiefen zu erleben. Diese Erkenntnis hat mir persönlich Trost gespendet. Ich hoffe, dass ich diesen Trost in irgendeiner Form durch diesen Text weitergeben kann.
Quelle: