Vorüber
Für jeden, der die Kreuzung am Schlossplatz überquerte, musste es aussehen, wie eine kurze Begegnung zweier Menschen, die sich flüchtig kannten.
Aber wenn jemand genauer hingeschaut hätte, wäre ihm aufgefallen, dass Robert die Hand der blonden Frau bei der Begrüßung etwas länger als notwendig hielt. Doch im Vorübereilen war es niemandem möglich, seinen Blick sehen, diesen Moment wahrzunehmen, in dem sich seine Züge erhellten und sich in seinen Augenwinkeln diese Lachfalten bildeten, die Miriam schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Man hätte die Sonne dafür verantwortlich machen können, dass auch ihre Mimik sich fast lächelnd ein wenig verzog und dass sie ihn anblinzelte.
"Hallo " und "Lang nicht mehr gesehen" wären die einzigen Worte gewesen, die ein Passant hätte aufschnappen können, wenn er in der Rotphase zufällig neben ihnen stehengeblieben wäre.
Aber alle um sie herum hatten es eilig und waren beschäftigt. Zeit war knapp, in einer halben Stunde musste man erledigt haben, was in der Mittagspause abzuhaken war, um danach pünktlich im Dienst die letzten Arbeitspflichten gestärkt antreten zu können.
Alles um sie herum lief, schritt, trippelte zielstrebig in Fortsetzung des Arbeitsrhythmus an ihnen vorbei.
Und doch schien genau an diesem Punkt der Kreuzung, an dem sie sich begegnet waren, das geschäftige Treiben innezuhalten. Keiner, der auf der kleinen Verkehrsinsel zwischen zwei Ampeln an ihnen vorbeiging, ahnte auch nur die Bilder, die aus Zeiten, als das Leben noch offen und voller Chancen und Möglichkeiten war, in diesem Moment zwischen den beiden entstanden.
Nur ein "Ich muss dann mal wieder", "War schön Dich zu sehen" hätte man hören können.
Doch keiner außer ihr konnten seinen festen Händedruck spüren, sein fast geflüstertes „Tschüss“ wahrnehmen, dem ein Bedauern mitschwang.
Und nur er spürte, wie das Klacken ihrer Absätze immer mehr aus dem Takt zu geraten schien, je weiter sie sich von ihm entfernte.


Autor: Adriane Meinhardt (57 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Der Wunsch, einen Moment überdauern zu lassen.
Quelle: Autor