Brief an Herrn B.
Sehr geehrter Herr B.,



in ein paar Tagen ist Mittsommer. In Norwegen schichtet man jetzt Feuerholz auf und bereitet sich vor auf die kürzeste Nacht des Jahres, den längsten Tag, bevor sich der Lauf der Sonne wendet.

Ich schaue hinaus in die Dunkelheit und denke an unser Gespräch. Vielleicht sucht jeder Mensch ein ganzes Leben lang nach Worten, die Zuflucht geben, die eine Brücke in die Luft buchstabieren über den Abgründen, ein paar Sicherungsanker einschlagen an den steilen Wänden, die einen Halt bieten in der Haltlosigkeit, der selbstverschuldeten und der zugemuteten.

Ich bin nicht sicher, ob ich sie gefunden habe, noch ob sie sich überhaupt ganz finden lassen in dem beschränkten Raum unserer Sprache, und doch habe ich bisweilen ihr Wispern vernommen, ein leises Echo vielleicht, das noch in das tiefste Innere hinein zu klingen vermag.

Das ist bei mir angekommen, dass das Leben ein wunderbares, unfassbares, zärtliches Geschenk ist und so, einfach weil es ist, weil es uns aus Liebe wollte und schuf, uns hervorbringen ließ, wie wir sind und mit allen Stärken und Schwächen uns zutraute zu sein, dass dieses Leben eine eigene Tragkraft hat, auf die wir uns verlassen dürfen.

Es ist dies ein dunkles Geheimnis, dass uns Leid widerfährt, in Krankheit und Schmerz, in Kummer und Sorgen, in Verzweiflung und Schwäche, dass Freude und Glück , dass Geborgenheit und alles Leichtsein uns so sehr abhandenkommen können, als wollten sie sich nie mehr finden lassen.

Und das ist das Wunder, dass das Leben und die Liebe doch verborgen auf uns warten, uns halten wollen und tragen bis wir, vielleicht gezeichnet, wieder eine unvermutete Spur finden, die ins Licht führt und in die Weite, die uns einmal wieder leicht sein lässt.

Vielleicht können Sie dies in Ihrer Angst und Traurigkeit nicht sehen. Bitte werfen Sie die Worte trotzdem einstweilen nicht fort. Sie stehen in aller Unzulänglichkeit ja doch für eine größere Wahrheit, die auch Ihnen gilt, gerade jetzt, jetzt gerade!



Über meinem Nachdenken ist es Nacht geworden. Ich hoffe, Sie schlafen gut, und morgen ist ein neuer Tag.


Autor: Steffen Glathe (57 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich lausche auf geheimnisvolle Botschaften aus der Bandbreite inneren Erlebens und ihre Resonanz im Ewigen, auf Silben und Satzfetzen, Gestammel und Schreie, auf Unter- und Obertöne und ihr Oszillieren um das Gesagte und das Verschwiegene. Und dann und wann, um das eine oder andere Verstandene der Flüchtigkeit des Verstehens zu entreißen, zeichne ich es auf.
Quelle: Steffen Glathe