Apfelmus bei Gantenbeins
Apfelmus bei Gantenbeins


Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte,
die er für sein Leben oder jedenfalls für einen Teil des Lebens hält.
Jetzt, da wir eingeladen sind in eine Gute Stube,
wir wissen, dass wir gleich zu Mittag speisen werden,
wir uns der klammen Vorfreude auf das
sämig und brätig duftend Hereinziehende geziemend hingeben.

Das ist schließlich nicht boshaft und wir zeichnen nicht
für die Verantwortung, dass es da draußen anders zugeht.
Was wohl verstellt ist, ist nur Natur, ist nur der Normalfall;
wir müssen uns schließlich nach oben orientieren!

Das Licht des Tages streitet mit der opaquen Stimmung des Raumes.
Aber wir wollen schließlich auch nicht, dass das Licht dieses Geviert und uns seziert.
Die verschleierten Fenster wirken schwer in den Raum:
hängend, abwehrend und wie prüfend, einer Auslese nicht unähnlich.
Schneefall schwer lastend in der Luft, hier drinnen blinde Wohligkeit.

Gibt es gute Geister in der Küche? Ja! Da, ein vielarmiger Auflauf an der Verbindungstür, Füße über dem Parkett. Die Speisen kommen, sind kaum zu sehen, es sind ihrer so viele.
Hmm - Schauder zwischen den Schulterblättern, am Hosenbein, Wonnen.
Jetzt ist das feste Lederschuhwerk gerade recht. So haben wir mehr Halt.

Die Speisen kommen in Schüsseln aus Porzellan, die schweren Deckel werden gehoben. Wir essen. Wir, gründlich, sauber, pünktlich, ethisch und gerade sitzend.
Die Mundwinkel sind angestellt, Signale werden ausgetauscht, etwa: ´nie mehr wird es so sein`. Oder doch? Diese immer währenden Kriegswinter werden unter Aufbietung aller Willenskraft verdrängt.

In der Küche wird jetzt der Apfel, der noch im Spätherbst hing, seiner Schale entledigt.
Sie wird gedünstet, ganz vorsichtig, dann in allerfeinste Stücke zerschnitten und mit dunkelbrauner Melasse in der Kasserolle stehen gelassen. Die Fruchtstücke der Ananasrenette kommen hinzu, werden in der Restwärme geschwenkt. So werden sie bis zur Mitte mürbe und behalten ihren festen Biss und den guten Geschmack.

Gantenbeins sind gute Gastgeber. Wir sind gute Gäste. Alles ist gut, das Wohnviertel, der Schnee, das Bankkonto, die Sauberkeit, die Speisen; wir besitzen gute, feste Unterwäsche und genügen dem Wohlanstand sehr. Wir sind seine zweifellose Elite.
Ein Wettkampf auf hohem Niveau, gewiss, mit uns, als fortwährende Sieger.
Wenn der Mensch doch nur so viel Vernunft hätte wie Verstand, wäre alles viel einfacher.

Haben oder auch Herrschen! Ohne diese beiden Eckpfeiler würden alle wunderbaren Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern.
Statt bei Gantenbeins zu speisen, müssten wir immer noch mit Wildkräutern oder ungeschlachten Batzen Wildfleisches vorlieb nehmen. Glauben Sie mir. Es ist so.

Der Mensch will aber doch -bitte sehr- Eintracht; wir hier am Tisch wollen Eintracht; in Frieden unser Apfelmus verspeisen; aber die Natur weiß besser, was für eine Gattung gut ist: sie will Zwietracht. Sie glaubt: Keine Zwietracht - kein Fortschritt. Darüber mit ihr zu diskutieren ist nicht immer einfach. Ihr Credo lautet: „Ich, die Natur, bin gut, soviel ist gewiss.“ Und sie ist schlau. Sie legt falsche Fährten aus - manchmal!

Es wird dunkler da draußen. Nietenbesetzte Lederfauteuils bieten da ausreichend Schutz und laden ein, eine neue Geschichte zu erfinden.

Geronnene Zeit zunächst. Dann friert sie ein.


Autor: Thomas Geduhn (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Es schwärt ... erst ... dann schreibt es ... sich aus und heraus.
Quelle: zuletzt veröffentlicht in: “RHEIN! Nr.2: Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang”, 10/2011:26-28