Der menschliche Faktor
Der Himmel sank ins Rote
über Schloss Donaueschingen.
Der Nachmittag war der Jagd gewidmet gewesen
und es war glänzend gelaufen –
unbelaubte Bäume, weite Sicht,
Tierspuren im frischen Schnee.
Mit knirschenden Stiefeln,
umschwirrt von Dienern,
lachend und palavernd,
zog die Jagdgesellschaft im Schloss ein.

Aber kaum zurück,
befiel den Kaiser wieder die Trübsal.
Seit Wochen schon plagte ihn eine Düsternis,
die sich in seinem Herz verbissen hatte,
nagte und nagte.
Weder Doktoren noch Mätressen,
weder Gefährten noch Pastoren
vermochten ihm anhaltende Linderung zu verschaffen.
Vorm offenen Kamin
steckten die blaublütigen Damen und Herren
die Köpfe zusammen –
wie konnte man den Kaiser aufheitern?

Dietrich Graf von Hülsen-Haeseler,
altgedienter General der Infanterie,
ein Preuße mit stattlichem Schnauzer und Bauch,
hatte eine Idee,
die sich in solch schwierigen Fällen
schon bewährt hatte.
Er zog sich in ein Hinterzimmer zurück.
Als das Streichquartett auf ein dreifaches Klopfen hin
den Schwanensee anstimmte,
kam er auf spitzen Zehen in den Saal getrippelt,
als Ballerina verkleidet,
mit Tutu und allem drum und dran.
Er hob die Arme, schürzte die Lippen,
und hampelte, hoppelte, tänzelte drauflos.
Unter johlendem Gelächter.

Das war eine jener Sachen,
die definitiv niemals dazu bestimmt waren,
die Schlossmauern zu verlassen.
Sie wäre auch dringeblieben –
hätte der gute Mann
nicht während seiner Tanznummer
einen Herzinfarkt erlitten.

Ich frage mich, was ihr davon haltet.
Vielleicht schüttelt ihr die Köpfe.
Vielleicht spottet ihr.
Vielleicht lacht ihr auch herzlich.

Was mich angeht, mir gefällt die Vorstellung,
dass diese Männer,
auf deren Schultern die Last der Verantwortlichkeit lag,
nicht verlernt hatten, Unfug zu treiben,
Kinder zu sein, zu spaßen.
Allem voran aber strahlt das Unerwartete
des Ganzen hell vor meinen Augen.
Das ist eine der Geschichten,
auf die man niemals gekommen wäre.
Nicht in hundert Tagen und Nächten,
nicht in hundert Jahren,
nicht in hundert mal hundert Leben.

Es ist doch so: Wir mutmaßen,
was sich hinter Gartenmauern abspielt,
hinter Türen und Vorhängen,
in Herzen und Köpfen.
Bis wir zuletzt glauben,
den ganzen runden Erdball zu kennen
und zu verstehen.

Aber in unserer Rechnung fehlt
der menschliche Faktor –
der lebendige Funke,
der das fruchtbare Chaos in sich trägt.

Denkend gleiten wir über die Welt hinweg,
aber sobald wir uns den einzelnen Menschen
bewusst machen,
was ihn ausmacht, antreibt, durchströmt,
das Wunder der Persönlichkeit,
dann schwankt die Erde
unter unseren Füßen
und wir stehen vor einem Meer,
das sich nicht überspringen,
nicht überfliegen lässt. –

Nur befahren.


Autor: Philipp Hager (34 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Der Keim war ein Erinnerungssplitter, von einem General, der im Tutu gestorben ist. Kam mir erst unwahrscheinlich vor. Aber eine kurze Nachforschung ergab, dass mich mein Gedächtnis nicht getrügt hatte. Aus der Geschichte, dachte ich, müsste sich ein gutes Gedicht machen lassen. Ohne eine Ahnung, wie dieses aussehen könnte. Von dort ging es ins Labyrinth des Schreibens.
Quelle: Sextant-Sonaten (Gedichtband, erscheint im Herbst)