Die Busfahrt

Die Busfahrt


Pünktlich um achtzehn Uhr fuhr Amtmann Hans Fechner d
en PC herunter. Er ordnete seinen Schreibtisch:Locher und Hefte rechts neben den
Büroboy, Lineal gerade ausgerichtet davor, unbearbeitete Akten links oben gestapelt. Dann holte er seinen Mntel aus dem Garderobenschrank
und zog ihn an. Prüfend betrachtete er sich im Spiegel: ein schmächtiges Männchen Mitte fünfzig, schütteres mausfarbenes Haar, grauer Popeline-
mantel und hochglanzpolierte Schuhe. Er glättete die Haare, zog den Mantel in korrekten Sitz. Dann nahm er seine Aktentasche vom Tisch und begab
sich zum Fahrstuhl. pünktlich um 18.15 Uhr passierte er die Pförtnerloge.
"Schönen Abend , Herr Fechner!" rief ihm Helmut Beyer zu. "Pünktlich auf die Minute. Seit zwanzig Jahren stelle ich meine Uhr nach Ihnen. Sie geht
immer richtig!" Moralinsauer lächelnd quittierte fechner den zuruf mit einem Nicken. Mit kurzen Schritten eilte er zur Bushaltestelle. Pünktlich um
18.25 Uhr bestieg er die Linie 7 und setzte sich dann auf seinen gewohnten Fensterplatz.
Wie jeden Abend vertiefte er sich sofort in seine Zeitung, doch diesmal wurde er gestört. Eine stämmige junge Frau plumpste auf den Sitz neben
ihm. Sie hielt einen Säugling im Arm und machte sich ungeniert breit. Indigniert rückte er näher zum Fenster
Während die Frau mit drei Freundinnen ungeniert schnatterte, welche sich um sie gruppiert hatten, begann das Baby zu greinen. Schockiert sah Fechner,
wie sie die Bluse öffnete und ein gewaltiger Busen zum Vorschein kam. Gierig saugte sich das Kind an dem Fleischberg fest
"Ach Marita, wie süß!" jubelte eine der Frauen. GOETHESTRASSE blinkte auf der Anzeigentafel. Fechner zuckte zusammen.Seine Haltestelle! Wie
sollte er hier herauskommen? "Entschuldigung, ich muß aussteigen. Würden Sie mich bitte...?" Marita nahm seinen schüchternen Versuch überhaupt nicht
zur Kenntnis. Sie plapperte halb abgewandt mit ihren Freundinnen. Einige Leute verließen den Bus, dann fuhr er weiter. Fassungslos starrte Fechner
aus dem Fenster. Leichte Panik ergriff ihn.Hilflos überlegte er, was er tun sollte.
Vier Stationen weiter nahm Marita das Baby von der Brust. Erleichtert hoffte Fechner, dass sie an der nächsten Haltestelle aussteigen würde. Er könnte
dann mit der Gegenlinie zurück fahren. Seine Erleichterung wich blankem Entsetzen. Er sah, dass lediglich die zapfsäule gewechselt wurde. Er warf einen verstohlen abschätzenden Blick auf das Volumen derselben. Der Inhalt würde wohl bis zur Endstation reichen. Wo ließ so ein Winzling diese Mengen bloß
Der musste doch zu zwei Dritteln aus Magen bestehen. Sein eigener meldete sich in diesem Moment vernehmlich. er war, wie sein Besitzer, an feste Zeiten
gewöhnt. Schaudernd rechnete sich Fechner aus, wann er sich heute Abend seine Junggesellenmahlzeit bereiten könnte. Der Bus blieb an der Endhaltestelle eine halbe Stunde stehen,bevor er wieder zurückfuhr. Die Tagesschau würde er auch verpassen - zum ersten Mal seit zwanzig Jahren. Neidvoll betrechtete
er den schmatzenden Säugling. "So ist das", grimmte er. "Während der eine sich den Bauch vollschlägt, muss der andere hungern." Seufzend fügte er sich in
sein Schicksal. Um sich von dem Hungergefühl abulenken, schlug er erneut die Zeitung auf. Eine Schlagzeile sprang ihm in die Augen:
WELTHUNGERHILFE! KINDER IN NOT! "HA!" dachte Fechner.


Autor: Felicitas Deister (70 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich habe mir schon als Kind gern Gechichten ausgedacht und den anderen Kindern erzählt. Vor zwanzig Jahre habe ich dann ein zweijähriges Fernstudium Be
lletristik absolviert, um das Handwerk zu lernen. Ich schreibe nicht gern für die Schublade, deshalb ist dieser Wettbewerb eine gute Gelegenheit, dass meine Geschichten auch mal gelesen werden. Die meisten sind allerdings zu lang, und ich habe keine Lust, sie zusammen zu streichen. Ich hoffe, diese ist jetzt kurz
genug.
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