Ein dreckiger Wasserfall fällt vom Himmel
Der nächste Schritt endet in einer Pfütze. Hier regnet es selten, jedoch wenn, dann im großen Stil, wie so ziemlich alles hier. Dann wird die Smog-Decke wie ein dreckiger Wasserfall vom Himmel auf die Straßen gespuckt und Fahrzeuge bewegen sich wie Schiffe im Sumpfgebiet. Keiner schützt sich vor dem ätzenden Regen, denn er ist warm und an sich Schutz genug: Mit ihm umhüllt Nebel die geisterähnlichen Passanten. Heute geschieht kein Verbrechen in Sichtweite. Heute muss keiner der Maschinengewehrträger im olivfarbenen Anzug Blei einsetzen.
Die Himmelsflut kühlt den Asphalt, bis kein Qualm mehr von ihm aufsteigt. Der erdige Geruch umhüllt die ganze Stadt, die Luft liegt schwer auf allen Schultern und treibt Schweißperlen auf Fensterscheiben. Zu atmen fällt schwer. Sobald der Regen aus der Metropole flieht, werden Sirenen wieder laut und die eben noch so friedliche Stille verdunstet mit. Der Nebel zieht hinterher, aus Angst alleine zurückzubleiben, dem Chaos ausgeliefert.
In einer Reihe steht jetzt sichtbar alle fünf Meter einer der letzten bewaffneten, mutigen Staatsdiener mit einem Rosenkranz in der Hand, dessen Zeigefinger ununterbrochen am Abzug ruht.
Menschen kriechen wie Ameisen aus jeder Ecke und Routiniert bewegen sie sich von einer Stelle zur Nächsten in ihren alltäglichen Zeitmanagement-Meisterwerken. Neben Eingangstüren hängen zumeist veraltete Desinfektionsmittelspender, Münder sind hinter Papiermasken versteckt. Wenn es nicht so dunkel und überfüllt hier wäre, käme das Gefühl, welches Patienten im Krankenhaus durchgehend überkommt, dem in der Großstadt nahe.
Ein Markt erstreckt sich vor mir, einer von vielen in dieser lebendigen, nie schlafenden Stadt. Wieder sind Berge von Menschen in jeder Himmelsrichtung erkennbar. Qualm erstreckt sich an jeder Ecke vor mir. Obststände bieten portioniertes, fliegen-übersätes Fruchtfleisch an. Lieber nichts rohes auf der Straße essen. Ich muss an einen Hühnerstand vorbei. Der Anblick von lebenden Hühnern auf einem Haufen in Miniaturkäfigen zerstört meinen Geruchssinn. Es stinkt. Ein Huhn wird direkt vor mir geschlachtet – ich lasse meinen halb vernichteten Apfel fallen.
Ein sich in hoher Geschwindigkeit durch die Menge Drückender weckt meinen Trancezustand. Er stolpert und Innereien von wer-weiß-was-oder-wem fallen mir direkt aus seinem Eimer auf die Schuhe. Der Apfel kriecht meinen Hals hinauf. Er hebt sie auf, legt sie wieder in den blutigen Eimer und geht schnellen Schrittes fort. Der halb vernichtete Apfel gesellt sich zur anderen Hälfte vor meine Füße.
Langsam wird es dunkel. Ich bin glücklicherweise in meinem Viertel angekommen. Mittlerweile ist auch die letzte sichtbare Pfütze fast vollkommen getrocknet. Musik dröhnt aus dem gelben Haus von gegenüber. Oder ist es das Blaue? Ich begegne dem amerikanischen Paar von gestern Abend und werde auf ein Bier im lauten Haus eingeladen. Ich hatte heute genug Menschen um mich aber ziehe sie der Einsamkeit vor.
Sirenen und laute Musik tanzen mit meiner Migräne. Schatten verkaufen Crack in Nebengassen. In der lebendigsten Straße beobachtet eine Überwachungskamera Passanten. Sie ist auf leicht-bekleidete, alkoholisierte Frauen gerichtet. Sicherheit. Tourismus will geschützt werden. Touristen bedeuten Geld. Angst. Die Stadt braucht Sicherheit.
Ich beobachte die Kameras weiter. Sicherheit oder Kontrolle?
In dem Barähnlichen Haus spricht ein betrunkener Verbrecher neben mir über sein Leben. Sein Liebstes seien seine Frau und sein sechsjähriger Sohn, Samuel. Er will ihm was bieten, ihn aus den Slums holen. Er will ihm ein Zimmer mit Strom und fließend Wasser bieten; eine sichere Umgebung. Er soll Tourismuswirtschaft studieren sagte er. Irgendwann fragte er mich, was ich hier täte. Ich antwortete ihm nicht. Ich will Teil des Ganzen sein, Teil der Vielfalt. Ich will anonym leben, zwischen fröhlichen Menschen in der Musik- und Sirenengefluteten Stadt. Ich will die Angst, den Regen, den Smog, die Fruchtfliegen, das kalte Duschwasser, das Bier von amerikanischen Touristen. Die Angst. Die Angst um mein Leben wertzuschätzen. Mein Leben in der großen Stadt.



Autor: Josi Schlichting (28 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Mit diesem Text kann ich Menschen und ihre Stadt, die einst meine Stadt war, noch einmal vor mir sehen. Ästhetik lebt In allem Erschreckenden. Liebe ist in jedem Quadratmillimeter einer gefährlichen Stadt zu finden. Ich schrieb diesen Text, um das Leben und seine Vielfalt zu umarmen.
Quelle: eigenes