Gute Luise
Gestern schleppte meine Tochter einen Weidenkorb voller Birnen in unsere Küche.
„Weißt du wie die heißen?“
„So wie du!“
„Woher weißt du das?“, fragte sie erstaunt.

Meine Gedanken wanderten in den Garten meiner Kindheit. Zu meinem Freund den Birnbaum. Er überragte mit seinen dreizehn Metern Höhe selbst unser Haus. Diesen Zeitüberdaurer pflanzte mein Urgroßvater in den Familiengarten und meine Oma hangelte als Kind auf seinen Ästen, meine Mutter umfing er mit seinen Astarmen, so wie er das jetzt bei mir tat. Zwei Kriege und ein Jahrhundert mühelos durchgestanden, ohne auch nur einmal keine Birnen zu tragen. Er unterlag den Jahreszeiten, niemandem sonst.
In den starken Armen meiner Oma, die nach Zuhause roch, saß ich am Füße des mächtigen Baumes und träumte von der Zukunft. Wie die mal werden wird. Was ich alles sein kann und ob die Erde dann noch ist. Aus der Tasche ihrer Blumenschürze reichte sie mir dazu eine Birne, streichelte mit ihrer kräftigen Hand sanft über mein Haar und sagte lächelnd „schnurpsen müssen sie beim Reinbeißen Kindchen“ und hielt mich fester. „Ja Oma ich weiß.“

In einer stürmischen Nacht Anfang September kurz vor meinem siebenten Geburtstag, schlugen die geschlossenen Fensterläden gegeneinander, pfiff der Wind sein Lied durch die Ritzen des alten Hauses und heulte die Flure entlang, dazu klapperten die Türen in den Angeln und die Hoflaterne schwang ihr diffuses Licht hektisch über das Katzenkopfpflaster des Wäscheplatzes. Ich nahm an, die apokalyptischen Reiter von denen mir meine Oma vorm Einschlafen erzählte, kämen jetzt samt ihrer Klepper in unser Schlafzimmer galoppiert und führten mich mit davon. Ich zog mich tief unter meine Bettdecke zurück.
In dieser Nacht war meine Oma gestorben.

Am Morgen schien die Sonne hell und freundlich, kein Lüftchen war mehr unterwegs und meine Oma war nicht mehr meine Oma, sondern eine fremde Unbekannte, die sich in das Bett und das Nachthemd meiner Oma geschlichen hatte und sich nicht rührte, als ich mich neben sie kuscheln wollte.
Sie rührte sich auch nicht, als ich ihr eine Birne brachte und auch nicht, als ich ihr die Geschichte der Apokalyptischen Reiter erzählte. Sie sagte einfach keinen Ton und lächelte vor sich hin.

Ich verstand nicht, warum dieser Sturm meine Oma weggeweht hatte. Ich setzte mich oben in die Spitze der Guten Luise und beobachtete das Treiben in Omas Küche.
Die Menschen in schwarzen Kleidern und weißen Stofftaschentüchern, die sie ab und an unter die rotgeweinten Augen hielten, gingen mit vollen Schüsseln selbstgemachter Salate in das alte Haus. Auf den riesigen Küchentisch sammelte sich das mitgebrachte Essen. Immer mehr schwarze gekleidete Nachbarn kamen und blieben, so als würde meine Oma zu einem Fest laden. Onkel Gustavs blütenweißes Haar leuchtete aus der Menge. Er stützte sich auf seinen Stock und sah mächtig zerknirscht aus. Selbst aus dieser Entfernung war sein lautes Seufzen zuhören.
Mimi saß auf meinem Bauch und schnurrte beruhigend. Ihre raue rosa Zunge leckte den klebrigen Saft der Birnen von meinen Handflächen und die Spitze des Baumes wiegte mich leicht. Ich aß eine Birne nach der andern. Als ich acht wurde, verkauften meine Eltern das Haus. Der Garten meiner Kindheit war damit für immer verloren.

Den Birnbaum fällten die neuen Besitzer um das Haus zu erweitern. Ich wünschte ihnen die Apokalyptischen Reiter auf den Hals, aber die hatten an anderen Stellen der Welt genug zu tun und taten nicht worum ich sie bat.
Der Garten besuchte mich in meinen Träumen, manchmal wehten Birnbaumblüten an mir vorbei und die Baumkrone in der ich dann saß, wiegte mich leicht. Mimi saß nach solchen Träumen vor mir und starrte mich aus ihren grünen Augen an.
Ab diesem Zeitpunkt aß ich keine Birnen mehr.

„Mama iss, die schmecken gut. Mach schon, die müssen schnurpsen wenn man rein beißt.“ „Ich weiß“, sagte ich automatisch.
Meine Siebenjährige reichte mir eine Birne und lächelte mir zu.
„Weißt du wie die Birnen heißen, Mama? Wie ich. Luise.“


Autor: Jana Franke (51 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Innere Prozesse lesbar, sichtbar, fühlbar werden zu lassen. Wenn es gelingt, kommt es zu einem Austausch. Im besten Falle erweitert es den Horizont und das finde ich wunderbar. Das Gegenwärtige mit dem Phantastischen zu verknüpfen und eigene Welten zu erschaffen. Gedankengänge zu offenbaren und zu einem Gespräch anzuregen. Mit sich und Anderen.
Quelle: Die Autorin selbst