Heimatinsel
Vergessen, dieses Weiß der schäumenden Wellenstraßen, die der Wind antrieb und millionenfach vom Horizont zum Ufer führte. Vergessen wie grüne Buhnenwege ins Meer hinaus wanderten, wie die Wasser an ihnen zum Ufer zurück tanzten. Zum Sand. Vergessen wie weich die Luft dabei über meinen Wangen streichelte. Mamas grüne Augen, ihr breites herzliches Lachen. Die Sicherheit in ihren Armen bei aufgewühlter See. Wenn sich Wolken und Wellen vermischten und die Weite unfassbar wurde. Rauschten, wüteten, flüsterten, küssten.

Kleine Sanddünen überhäufen ihren Findling unter dem Inselkreuz der kleinen Kirche unterhalb des Nordufers. „In Liebe für Rose“ hatte Papa damals in den Stein gemeißelt und ich habe jeden einzelnen Buchstaben vergoldet. Steine lagen jetzt auf dem breiten Kopf des Grabsteins.
Der Drieber aus der 17, ein feister, grober Besserwisser vom Neubau hinterm Steinwall, spöttelte über dieses Bekenntnis. Vermietete akkurat geputzte Fremdenzimmer, in denen man selbst im Hochsommer fror. Wenn sich Gäste ankündigten, berechnete er jeden Schritt einzeln. Bemühte Anwälte, wenn Kinder ihre Nasen an die Fensterscheiben drückten. Hämisch kommentierte er Besonderheiten. Seine Frau spionierte in den vermieteten Zimmern den Gästen hinterher. Man mied die Driebersippe. Fiete Drieber mein Freund. Was wohl aus dir geworden ist?
Als ich damals loszog, umarmte er mich zitternd und stand danach schweigend am Pier, als verlöre er eben sein Zuhause.
„Geh und schau dich um, dann weißt du, ob du wiederkommen willst. Ich geh dir nicht verloren“, sagte Mama auf ihrem letzten Lager. Papa nickte mir zu. Nach ihrem Tod nahm ich den letzten Dampfer der Saison und schipperte mit ihm von dannen. Papa blieb. Auf unserem Heimatland. In den drei Fischerhäuser der ersten Generation. Zaunlos mit windgebeugten dichten Kiefern begrenzt, breitete sich das Grundstück bis zum Meer aus. Millionen Jahre alte Findlingswälle schützten vor der einfallenden See. Unzähligen Blumen, die von selbst aus dem Grün wuchsen, weil Mama sie einst gesetzt hatte, bestanden die weitläufigen Flächen dazwischen. Das Breiteste, meiner Heimathäuser, war Papas Steinmetzwerkstatt. Das Gemütlichste das Mamahaus in dem Papa jetzt lebte und das Offenste war das Gästehaus. Sie hatten allesamt himmelblaue Läden und weißgetünchte Wände, die bis unter das tiefhängende Reeddach krochen. Rochen nach frisch gestärkter Wäsche, nach Meer, Freiheit und den Tränen meines Vaters. Mama hatte sie damals gestrichen. Sie strahlen noch immer.
Diesen weichen Sand habe ich an keiner Stelle der Welt gefunden. Am Anfang rieb er an meiner zarten Haut, öffnete sie an winzigen Stellen und das Salzwasser der Ostsee brannte sich schmerzvoll ins Gedächtnis. Wie eine wilde Meerjungfrau tobte ich zum Ufer, rannte den weißen Sandstrand bis zum Steinwall. Zum Mamahaus. Fiete rannte neben mir. Mama lächelte, wenn sie uns sah und steckte ihm Minzebonbons zu. Dann kühlte sie meine Risse. Fiete liebte die Bonbons, noch mehr liebte er meine Mutter, wenn sie ihm über die struppigen verschnittenen Locken strich. Seine Wangen wurden rosa und bernsteingolden glitzerten seine Augen. Heimlich kam er ins Mamahaus und hörte sich durch ihre Jazzsammlung. Heimlich. Nein, er durfte nicht zu uns. Nein, das war verboten. Zu dem Künstlerpack, wo Blumen wuchsen, wie sie wollten. Er musste in seiner Welt bleiben. Der kräftige Schlag in sein Gesicht, besiegelte das Nein seiner Mutter. „Ich bin in die falsche Familie geboren“, seufzte er dann. Tenorsaxophonspieler wollte er werden.

Hinter mir steigt der übermächtige Vollmond vom Festland in den Himmel. Wolkenfetzten streifen über sein stilles Gesicht. Die Mondstraße schimmert breit auf der glatten See. Sanft weht das helle Kling vom Fahnenmast an mir vorbei und ein tiefer satter Ton aus einem Tenorsaxophon erhebt sich in die Dämmerung, streift den treuen Mond, fährt mir ins Blut und vertraut mir sein Geheimnis an. Ass spielt der wildgelockte Musiker. Ass. Zuhause.


Autor: Jana Franke (51 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Innere Prozesse lesbar, sichtbar, fühlbar werden zu lassen. Wenn es gelingt, kommt es zu einem Austausch. Im besten Falle erweitert es den Horizont und das finde ich wunderbar. Das Gegenwärtige mit dem Phantastischen zu verknüpfen und eigene Welten zu erschaffen. Gedankengänge zu offenbaren und zu einem Gespräch anzuregen. Mit sich und Anderen.
Quelle: eigenes