Leben mit Kacke und Schlacke
Schon das 5. Buch Mose gibt dem Menschen klare An­weisungen zum Er­langen der persön­lichen Erleichterung. Monotheistisch-strenge Ein­schränkungen werden ihm auf­erlegt:

"Du sollst im Vor­gelände des Lagers eine Ecke haben, wo du austreten kannst.
In deinem Gepäck sollst du eine Schaufel haben, und wenn du dich draußen hinhocken willst, dann grab damit ein Loch und nachher deck deine Notdurft wieder zu!"
(Dtn 23,13-14)

In den mittelalter­lichen Städten aber hatte man sich zurück begeben hinter die einfachen Vorschriften des Alten Testaments. Bei Tagesanbruch beförderte alle Welt den Inhalt der Eimer auf die Straße, die von den Haus­gemeinschaften in der Nacht zuvor ge­meinschaftlich be­füllt worden waren.

Rutschte man damals in den engen Gassen Hildesheims aus, so geschah es nicht auf einer Bananenschale, denn Bananen waren im mittelalterlichen Hildesheim so gängig wie in der DDR des 20. Jahr­hunderts. Die Straßen waren voll vom organischen Ab­fall ihrer Bewohner und ihrer frei laufenden Schweine. Letztere gehörten ebenso zum mittel­alterlichen Stadtbild wie der Bürger­meister und seine Ratsherren. Ein mittelalterlicher Städter legte den gleichen Wert auf sein Vieh wie sein bäuerlicher Verwandter, und wie dieser war er wenig geneigt, auf seine elementaren Rechte zu verzichten. Ein deutscher Städter hatte ein Recht auf sein Schwein, gerade so wie ein heutiger Amerikaner ein Recht auf seine persönliche Schusswaffe hat!

Treibe und Sülte, die traditionellen Ab­wasserbäche Hildes­heims, wurden in unserer Zeit schamvoll kanalisiert. Damals aber, als man einen Aufgang zum Domhof „Stinekenpforte“ und die angrenzende Straße „Hückedahl“ nannte, war Escherichia coli noch nicht entdeckt, ebenso wenig wie Vibrio cholerae oder Yersinia pestis. Am Hückedahl befanden sich, praktisch zur Treibe hin gelegen, die Donnerbalken der kirchlichen Würden­träger: Bischof, Prälaten und ge­meines Volk schissen unbekümmert in den gleichen Bach, ob­gleich dessen Wasser bisweilen zu anderen Zwecken verwendet wurde:

"Hiermit wird bekannt gemaket
dat keiner in die Treibe kaket,
denn morgen wird gebraut!"

Und das Hildes­heimer Bier war be­rühmt! Das Ab­wasser der Brau­häuser floss in die Innerste, wo es sich mit den schwer­metallhaltigen Schlacken des Harz­bergbaus mischte, die bereits im Mittel­alter die Harzflüsse belasteten. So ent­stand die erste dokumentierte, von Menschen ver­ursachte Umwelt­katastrophe Deutschlands.

Im 17. Jahrhundert wurde nämlich das Innerstewasser dermaßen giftig, dass das Vieh verreckte, wenn es davon trank. Bauern aßen ihre eigenen Produkte nicht mehr. Später wurde es zwar besser, aber bis heute gibt die Stadt­verwaltung eine Handreichung heraus, damit die Bürger den Gesundheitswert ihrer Bio-Früchte aus den Kleingärten an der Innerste selbst einschätzen können:

"Liegt Ihr Garten im betroffenen Belastungsbereich (siehe Karte ,Maximale Ausdehnung'), soll für Kinder und Frauen (bis 45 Jahre) die Ernährung aus dem Garten auf wenige, nicht als Hauptnahrungsmittel dienende Gartenerzeug­nisse beschränkt werden (z. B. ,ab und an Erdbeeren')." 1

Männer können eben Cadmium besser verdauen als Frauen oder Kinder. Und alte Weiber (ab 45) sind nun einmal zäher als junge.

Im Zeichen der Moderne hat sich eine private Stiftung des nicht gärtnerisch genutzten Schwermetallrasens am Innersteufer angenommen. Sie hütet ein Biotop, in dem zahl­lose Pflanzen nicht gedeihen können, da der Boden die Qualität deponiepflichtigen Sondermülls aufweist. Künftigen Generationen wird diese einzigartige Natur jedoch nur dann erhalten bleiben, wenn Menschen sie, gemäß der Beschilderung der Stiftung, nicht betreten. Kinder sollten dort also nicht spielen und im Fluss möge man nicht angeln, um Blei­vogel und Arsenhüpfer nicht zu stören.

Weniger Kacke, weniger Schlacke, etwas mehr Macke.

Insgesamt geht es aufwärts mit der In­nerste, die, immer wieder unglaublich schön, Mensch und Vieh gelassen die gesammelten Sünden mehrerer hundert Jahre verzeiht.

__________________________________
1 Schwermetallbelastungen an der Innerste. Herausgeber: Stadt Hildesheim, Bau- und Ordnungsangelegenheiten - Bereich Umweltangelegenheiten/Abfall, Markt 3, 31134 Hildesheim.
Stand: Oktober 2006.
http://www.hildesheim.de/pics/medien/1_1318928459/Schwermetallbelastung_an_der_Innerste_10_2011.pdf


Autor: Ingrid Coughlan (58 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Wenn Sie so wollen, ist dies ein "Sachtext" über Hildesheim und seinen Fluss - andererseits aber auch nicht.
Vielleicht ist es einfach ein böser Text.
Die Fakten sind jedenfalls nachprüfbar. Deshalb könnte man kaum von einer Satire sprechen.

Ich liebe diese Stadt und arbeite nebenberuflich als Kostümführerin. Wir Kostümführer haben schon lange festgestellt, dass sich unsere Gäste vor allem für gruselige oder auch nur unschöne Dinge aus der Geschichte interessieren.
Da dachte ich mir, dass man dies doch auch einmal aufschreiben könnte - heiter und lustig und gleichzeitig ganz ernsthaft. Die Idee dazu bekam ich vor Jahren, als ich mal als Gasthörerin an einem Innerste-Seminar von Prof. Ortheil teilnahm.
Quelle: eigenes