Das Verschwinden
Zum Mittagessen gab es wieder nur Gemüse, und es war zu einem klumpigen Brei undefinierbarer Farbe zerkocht.
Gertrud schloss die Augen und ließ die warme Masse auf der Zunge zergehen. Als erstes stach die bitterscharfe Süße des Paprikas hervor. Gertrud sah die reifen Früchte vor sich, rot und gelb glänzend, wie Spielzeuge, deren Verwendung man noch herausfinden konnte. So wuchsen sie im Treibhaus, so fand man sie – in Folie eingeschweißt – im Supermarktregal, von Neonlampen angestrahlt.
Gertrud kniff die Augen fest zu – Supermarkt, das war gut, da wäre sie jetzt auch gern. Umgeben von vorwitzigen Wandernden, die ihre metallglänzenden Wagen durch aufgeräumte Regalgänge schoben und überall Unordnung verbreiteten, sich gegenseitig rammten, die frischen Kartoffeln unter den alten hervorzogen, so dass die Tomaten daneben auf den Boden rollten, als wollten sie zum Murmelspielen einladen. Überall die begehrlichen Blicke nach Sonderangeboten, voller Sehnsucht, vom Leben doch noch etwas geschenkt zu bekommen. Das Wandern durch den künstlichen Zitronenduft vor der Fischtheke, der den Kunden Frische vorgaukeln sollte, so viel Mühe gaben die sich dort. Überall Schwebemusik, dü dü dit düü, wie ein leichter Rückenwind. Man konnte sich von Gang zu Gang treiben lassen und alles durcheinanderbringen, irgend jemand kam immer und brachte die Sachen wieder in Ordnung, man konnte sich darauf verlassen.
„Schmeckt es dir?“
Gertrud schlug die Augen auf. Ewalds Gesicht auf der anderen Seite des Tisches sah verschwommen aus, aber das lag nicht an Gertruds Augen. Ewald wirkte immer etwas verschwommen. Sie nickte.
„Wenn es dir schmeckt, warum schluckst du es dann nicht runter? Ich sehe genau, dass du es noch im Mund hast.“
Gertrud zwang sich, den Gemüsebrei die Kehle hinunterlaufen zu lassen. Der fade Nachgeschmack ließ das strahlend helle Supermarktbild in ihrem Kopf stumpf und schmuddelig werden. Schade, dachte sie. Gern hätte sie es so behalten, wie es vorher war.
„Ich habe mir doch wirklich Mühe gegeben.“ Ewald gab keine Ruhe. „Dieses Gemüse kannst du auch ohne dein Gebiss gut herunterbekommen, ich habe es extra lange gekocht.“
Gertrud nickte noch einmal und schloss wieder die Augen. Das Supermarkt-Licht reflektierte in den hellen Kacheln. Hinter der Fischtheke stand ein junger Mann mit klaren blauen Augen und hielt ihr eine silberne Forelle hin, frisch gefangen aus dem Fluss, nur für sie. Draußen, vor ihren geschlossenen Lidern, verschwamm Ewalds Gesicht immer weiter, bis es schließlich im Muster der Tapete verschwand, das wusste sie, ohne hinsehen zu müssen. Es löst sich in Wohlgefallen auf, dachte Gertrud und legte ihre Hände auf den kühlen Griff des Einkaufswagens.


Autor: Susanne Mathies (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Wir sind alle in Geschichten verstrickt. Nichts ist so wahr wie die Geschichten, die wir uns ausdenken.
Quelle: unveröffentlicht