Die Kälte
“Stimmt es, was Johannes mir erzählt hat? “, fragte ich Claudia, meine Freundin. Sie antwortete mir nicht, aber durch ihren Blick war mir alles schmerzhaft klar.
Ich stand mit ihr am Bahnhof und wartete auf den Zug wie nach jedem Schultag, aber an dem Tag war es sehr frostig. Die letzten zwei Winter waren sehr mild, dieser nicht, schade. Egal wie du dich angezogen hattest, es wurde dir trotzdem kalt.
Ich fing an mich umzublicken (was ich ganz selten tat, wenn ich mit ihr zusammen war), und diese graue Welt machte mich langsam wütend. Die sollte einfach nicht so langweilig sein, denn sie war alles, was wir hatten, und zwar für zu kurze Zeit!
Bevor ich sie traf, hatte keine Frau mein Herz berührt, weil sie mir alle irgendwie verspielt und falsch vorkamen. Es gab sogar Zeiten, als ich mir Gedanken machte, ob etwas mit mir nicht stimmt. Dann erschien sie und sie wurde sofort zu etwas Besonderem für mich. Jetzt könnte ich darüber nur lachen, wenn ich es bloß gekonnt hätte.
Ich wusste, dass ich sie immer ein bisschen mehr geliebt hatte als sie mich, aber ich verlangte nie etwas von ihr, weil es einfach unmöglich ist, dass zwei Menschen sich gleichstark lieben.
Ich war ohnehin glücklich, weil sie einen Lebensabschnitt mit mir verbrachte und ihre wunderschönen Nächte mit mir teilte. Dafür war ich dem Schicksal und ihr stets dankbar.
In der Nähe des Bahnhofs gab es eine Werkstatt für die Behinderten, die immer mit uns auf den Zug warteten.
Wenige Meter neben uns saßen zwei unansehnliche Frauen. Eine davon sagte:
“Liebe braucht ein Objekt, das sie wärmen und leuchten kann, genauso wie ein Sonnenstrahl. Ansonsten kann sie ihren Zweck nicht erfüllen und ist in dunkler Leere verloren.” Dann schwieg sie kurz und fuhr fort:
“Wir leben durch Liebe, und Liebe lebt durch uns. Verstehst du, was ich meine?”
Ich verstand genau, was sie meinte, und schaute Claudia an, um zu sehen, ob sie diesen Monolog, den uns das Universum schickte, mitgekriegt hatte, aber sie war mit ihrem Handy beschäftigt.
Als der Zug ankam, durchzuckte mich kurz der Gedanke sie darunterzuschmeißen, aber ich erschrak sofort.
Ich hatte enorme Angst, wie ich ohne sie leben sollte, aber es war mir auch klar, dass Zusammenbleiben keine Option war. Selbst wenn ich es gewollt hätte, war sie schon weg.
Ich wusste nicht mehr, wo ich gelesen hatte, dass all das Böse der Menschheit aus der Angst entstand. Wut, Hass, Neid, Gier - alles sind verschiedene Gesichter der Angst, die uns unser ganzes Leben lang begleiten und statt uns gegenseitig zu trösten und zu unterstützen, fressen wir uns. Ja, es stimmt, wenn man sagt, dass die Erde sich in die falsche Richtung dreht. Wir haben alles dafür getan und noch mehr.
Wir stiegen in den Zug ein und setzten uns nebeneinander, als ob nichts sich geändert hätte. Einer der Behinderten, ein kleiner Mann, setzte sich mit dem Gesicht zu uns. Ich kannte ihn vom Sehen schon auswendig. Er trug immer die selbe blaue Baskenmütze und große, schwarze orthopädische Schuhe. Er war von Kopf bis Fuß interessant, so konnte man sagen.
Seine schmalen, fast durchsichtigen Augen waren stets so schläfrig, dass man denken konnte, er sei beschwipst. Das war er aber nicht . Er hatte bloß Flammen in seiner Seele, die seine Wahrnehmung verzerrten und ihn so einsam machten. Er besaß die Hölle der Einsamkeit in sich, wie jeder von uns.
Ich schaute mir Claudia an, die wie Mona Lisa lächelte. Bestimmt erinnerte sie sich an angenehme Details mit Johannes, den sie einfach benutzt hatte, um sich von mir zu befreien. Ich war mir fast sicher, dass sie sich mit ihm nie wieder treffen würde. Und trotzdem habe ich sie nicht wegen ihm verloren, sondern wegen anderen Männern, für die Claudia jetzt offen war.


Autor: Georg Ghambashidze (26 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben ist einer der schönsten Wege, Geheimnisse zu erzählen, ohne jemanden dabei zu verraten.
Quelle: eigenes