So nicht
Ich bin ein Gauner. Sagt mein Onkel. Und das mich die Welt nicht braucht. Weil ich nur Mist im Kopf habe. Weil ich nur am Einstecken bin. Brillen, Telefone, alles was so greifbar ist. Ich habe schon so oft auf die Fresse gekriegt, dass ich eigentlich die Schnauze voll haben sollte. Aber irgendwie brauche ich das. Unruhig rutsche ich auf der schmalen Holzbank herum. Hier auf der Wache ist richtig was los, nicht so wie bei uns auf dem Dorf, wo so eine arme Sau den ganzen Tag alleine rum hockt. Meine Hände graben in der Jacke nach was zum Kauen. Beim Auspacken zittern sie, als wenn ich gesoffen hätte. Irgendwie habe ich wohl doch was abgekriegt. Deswegen sitzt ja auch die ganze Zeit diese Krankenhaus-Tante neben mir. Krasser Tag.

Als ich heute Morgen aufwachte, war es schon so hell, dass ich den Schatten der Flagge vor dem Haus am Schrank hüpfen sah. Also war der Schulbus schon durch. Ok, dachte ich, dann mal ab nach Hamburg rein. Ich zog ich meine Sachen an, holte mir vom Nachttisch gegenüber das Portmonee meines Bruders mit seiner Fahrkarte und machte mich auf den Weg. In der Bahn lehnte ich meinen Kopf an die Scheibe und ließ die schönen Häuser an mir vorbeisausen. Wieso schaffen es so viele Leute auf Jobs, mit denen man ein Haus bezahlen kann. Bei uns gibt es noch nicht einmal vernünftige Klamotten, weil immer irgendwas kaputt ist. Dann fing hinten im Wagen eine Frau an zu singen. Für Kohle natürlich. Ich könnte jedes Mal kotzen, wenn ich diese Penner sehe. Aber jetzt kam sowieso eine gute Station, also raus aus der Bahn. Als ich so am Bahnsteig lang schlenderte, entdeckte ich drei Männer in edlen Jacken. Die sahen richtig nach Geld aus. Ich ließ mich ran treiben und versuchte, in die Taschen zu kommen. Das geht inzwischen richtig schnell und ehe wer was merkt, bin ich schon wieder weg. Plötzlich stolperte irgendein Idiot neben mir und stieß mich mit meiner Hand tief in die Jacke des ersten Mannes. Scheiße, dachte ich, als ich gegen das kalte Eisen der Knarre kam, Scheiße! Scheiße! Ich fühlte, wie der Mann mich packte und zwischen seine Kumpels riss. Er starrte mich an. Ich konnte richtig sehen, wie wild er überlegte. Gerade wollte ich meinen Standardsatz loslassen, von wegen Versehen und Entschuldigung und so, da sah sich der Typ neben ihm kurz um und machte eine Kopfbewegung Richtung Gleis. Lärmend bog der Zug in den Bahnhof ein.
Ein heftiger Stoß und ich flog durch die Luft. Entsetzt versuchte ich, mich irgendwo festzuhalten, gierte mit den Händen in der Luft herum, sehnte mich danach, wieder zu stehen, warum habe ich verschlafen, das ist alles falsch und knallte auf kaltes und hartes Eisen. Es schmeckt nach Regen, dachte ich, während ich den Zug in wahnsinnigem Tempo auf mich zu kommen sah. Das quietscht, meine Fresse ist das laut, wie die Schienen rütteln, jetzt ist alles vorbei, es stinkt nach Öl und ich habe überhaupt keine Chance gehabt, mal was richtig zu machen, stopp, das geht so nicht, DAS GEHT SO NICHT!!!

Als sie mich vom Gleis holten soll ich in einem Vorsprung unter der Bahnsteigkante gelegen haben, ich habe das irgendwie nicht mehr drauf, ist der Schock, sagt die Tante. Aber an mein Herz kann ich mich erinnern, das hat wie irre geschlagen, es lebte ja auch noch, verdammt noch mal, es hat getrommelt für den zweiten Durchgang, für meinen zweiten Versuch, hier irgendwie zurecht zu kommen.
Die Tür vor mir geht auf, ein älterer Polizist linst mich an und winkt mich in sein Büro. Wir setzen uns und er beugt sich zu mir rüber. "Auf die Jungs haben wir lange gewartet", sagt er und tippt mit seinen dicken Fingern auf die Schreibtischunterlage. "Und gekriegt haben wir sie nur, weil du eins ihrer Handys eingesackt hast." Er lehnt sich zurück und grinst. "Das war ein Goldgriff, mein Lieber. Du bist ein Gauner, den man brauchen kann".
Gauner? Der ist heute draufgegangen. Trotzdem Danke.


Autor: Sören Callsen (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Aufhebung der Schwerkraft
Quelle: Eigenes