Es gibt keine Sünde
„Ich habe dich nicht gebeten, hierher zu kommen“. Felix krallte seine Finger in die Sessellehne und fixierte die klitschnassen Hosenbeine der jungen Frau. Sie hob eine Augenbraue und wischte sich lächelnd eine Strähne aus dem Gesicht. Langsam ging sie um ihn herum und kam Auge in Auge vor ihm zum Stehen.
Er wand sich aus ihrem Blick und entwich in Richtung Haustür, die immer noch halboffen stand.
Der Regen fiel schnurgerade vom Himmel und am liebsten wäre er hinausgestürzt, um die vergangene Stunde von sich abzuspülen.

Ihm war das Brot ausgegangen und so hatte er sich noch einmal auf dem Weg zum Markt gemacht und als er mit viel zu viel Tüten beladen am Obststand vorbeigekommen war, hatte er halblaut vor sich hin gemurmelt. „Ich brauche endlich eine treue Seele…“. Schon vor dem letzten Wort hatte er gespürt, dass etwas geschehen war. Irritiert war er stehengeblieben und hatte sich umgesehen. Die Frau hatte direkt neben ihm gestanden und ihn angelächelt. „Ich werde dich bis zum Ende begleiten.“
Felix war das Blut in den Kopf geschossen, furchtbar heiß war ihm geworden und sein einziger Gedanke war gewesen: Weg, nur weg von hier. Hastig war er durch die Altstadt gestolpert, ein paarmal hatte er fast seine Tüten verloren und als er endlich die Haustür aufgeschlossen und ins Zimmer gestürzt war, hatte sie schon neben dem flackernden Kamin gestanden.

„Wo kommst du her, ich meine, wie zum Teufel bist du hier in mein Zimmer gekommen?“
Langsam wich der Schreck und Empörung breitete sich in ihm aus.
Die Frau zuckte mit den Achseln. „Du hast mich gerufen, so, wie wir es vereinbart haben.“
Felix schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ich kenne dich nicht und wir haben nichts vereinbart und jetzt verschwindest du bitte aus meiner Wohnung.“

Sie lächelte ein wenig und drehte sich langsam auf dem Absatz. „Wirklich?“
„Sofort!“, schimpfte Felix und wies mit der Hand auf die offene Tür.
Die junge Frau nickte langsam.
Felix fühlte ein Kribbeln im ganzen Körper und noch während er den eigenen Schatten vor den Füßen verschwinden sah, wusste er, dass dies nicht mehr sein Tag war.


Autor: Sören Callsen (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Aufhebung der Schwerkraft
Quelle: eigenständiges Werk