Sherlocks Home
Eine Wegbeschreibung

Ich bin keinesfalls ein Geizkragen, wie manche Leute von mir sagen. Ich leihe gerne und auch reichlich. Das ist für mich selbstverständlich. Allen, die von Geldnot betroffen, steht mein Haus auch sonntags offen. Wer mich sucht, wird mich finden. Meine Heimatstadt heißt B. Man erreicht sie über W. an der neuen Autobahn. Aber da kann man sich leicht verfahrn.
Ist man in der Stadt, biegt man gleich links ab. Dann bis zur Ampelanlage und sofort wieder links rein.
Bis hierher: Keine Frage.
Nächste Kreuzung rechts rum. Das ist ne Abkürzung. Beim Kreisel biegt man wieder links ein. Man kann auch rechts fahren oder geradeaus ins Zentrum rein.
Nach der nächsten Ampel die dritte Straße rechts auf keinen Fall befahren, denn dort lauern Gefahren.
Die vierte Abzweigung wäre eine gute Lösung, aber wegen der Umleitung - Vorsicht Baustelle! - erwartet einen die Hölle.
Also nimmt man die 5. Straße und biegt dort links ab, fährt aber sofort wieder rechts in den Kreisverkehr, das ist nicht weiter schwer. Schwer wird es in der Ruhezone, denn die ist nicht ohne.
Am Ende der Gasse steht links so ein – ein – ein Dings. Dort fädelt man sich ein in den Feierabendverkehr – Beziehungsweise: Nein, nein – Das wäre doch zu schwer.
Also: Kommando zurück.
Man kann mit etwas Glück auch durch die Kastanienallee – ach ne – Das ist ne Sackgasse. Gott, wie ich die hasse!
Noch mal: Man fährt wieder links, nicht rechts in die Einöde, das wäre doch zu blöde.
Also: Einfach geradeaus zum Ortsende, wo man den Wagen wende.
Dann geht’s zum Stadtinnern, wie wir uns jetzt erinnern. Schnurstracks bis zum ZOB und weiter im Galopp. Erste Ampel links, dann rechts, Kreisverkehr, wieder links, und sofort rechts: Bäckerstraße.
Dort steht ein hellgelbes Haus, Nummer 221 c. Das ist es nicht.
Mein Haus - dunkelgelb - steht daneben. Nummer 221 b. Vielleicht brennt noch Licht.
Langer Rede kurzer Sinn: Man kommt wirklich ganz leicht hin.
Dabei fällt mir ein: Mit Navigationssystem wäre die Suche kein Problem und auch sehr bequem ...
Aber wer ein solches besitzt, ist, wie mir scheint, auch recht gewitzt. ER könnte es samt Auto gewinnbringend verkaufen, müsste nicht fahren, nicht laufen, bräuchte nicht bei mir betteln und sich unnötig verzetteln. ER könnte mir sogar was Leihen. -
Das wäre zu schön - und zum Schreien.




Autor: Erhard Schümmelfeder (63 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Jenseits des realen Lebens gibt es die Dimension der "Kopfabenteuer", die ich für mich entdecken möchte. Die Eintrittskarte für jene Kopfkino-Welt verschafft mir die Literatur.
Quelle: eigenes