Haikuistische dentistische Autobiografie
Haikuistische dentistische Autobiografie von Cleo A. Wiertz

Mein erster Zahnarzt
hat meinem Hasen aus Plüsch
ne Plombe verpasst.

Das war nett von ihm,
und mein sanftpelziger Freund
lächelte silbern.

Mir erging’s schlechter,
denn ganz ohne Betäubung
zog er den Zahn mir.

Wie ich ihn hasste !
Mein zweiter war sanft zu mir –
wollt mich verführen…

nein, nicht erotisch,
vielmehr dentistischerweis :
Zahnarzt, so wie er,

sollte ich werden !
Ich hatte Grösseres vor,
wie Bauchchirurgie…

Es wurde nichts draus.
(Studierte Seelenklempner –
mehr Freizeit, dacht ich.)

Mein dritter war dann
von meiner Glöckchenkette
auf indischem Kleid

total fasziniert.
« Wie praktisch ! So findet man Sie
im Dunkeln wieder ! »

Zur Anwendung kam
sein Geistesblitz leider nicht.
Schade eigentlich.

Er war ganz sexy -
ich hätte es gerne gehabt,
dass er mich fände.





Aber er fand nur
Löcher in meinen Zähnen
und bohrte drin rum.

Genützt hat es nichts.
ich war grade volljährig,
da hatte ich schon

mehr Löcher im Mund
als Zähne, und was mir blieb,
war voller Plomben.

Nummer vier und fünf
weiss ich nicht mehr, nur dass es
weiter bergab ging

mit dem Elfenbein.
Nummer sechs war eine Frau,
leider allzu zart

an Hand und Gemüt,
denn die Betäubungsspritze
wollt partout nicht rein

ins arme Zahnfleisch.
Als ich beim dritten Versuch
« Au ! » rief und « Verflixt ! »

erklärte sie mir,
wenn ich kein Vertrauen hätt,
könnt sie nicht weiter.

Nicht praktisch für mich :
ein abgebrochener Zahn,
Wurzel aufgebohrt…

Es ging zwar doch noch,
irgendwie bracht sie’s fertig,
aber wir beide

waren es nun leid,
hatten genug von einand.
Ich zog dann weiter



zur Akademie
und bekam einen schönen
Behandlungsplan, der

nur dreitausend Mark
mehr kosten sollte als der
von der Konkurrenz.

Meine Reaktion
(im übertragenen Sinn)
war etwas bissig.

Ich fand dann Ersatz
und bekam den Zahnersatz
anderswo billig.

Nach einem Umzug
landete ich im Osten
beim nächsten besten –

von meiner Wohnung
nur eine Treppe tiefer.
Wieder eine « Sie ».

Der reine Zufall –
aber die Wahl war nicht schlecht.
Frau Doktor liess mir

eine Brücke baun –
wenn auch nicht golden, so doch
aus Stahl und Email.

Doch sie war skeptisch,
was die Lebenserwartung
des Restes betraf,

denn an den Zähnen
hätt der Zahn der Zeit, sprach sie,
allzu sehr genagt.

Erstaunlicherweis
hielt der Rest dann doch recht lang.
Dann kam die Wende –

nein, nicht politisch
(die war schon vorher passiert),
vielmehr zog ich um,


wie schon des öftern,
und diesmal ging’s nach Frankreich.
Karies ging mit.

Zum Glück fand ich hier
in meiner neuen Heimat
einen kleinen Mann

mit sanften Händen,
schier unendlicher Geduld
und Lust zum Basteln.

Ein paar Jahre lang
ging’s gut – nein, doch nicht wirklich.
Die Plagegeister -

gemeine Biester ! –
rumorten leider weiter
in den Ruinen,

und so manches Mal
kam ich in Tränen zu ihm.
Manchmal ging ich auch

in Tränen wieder
aus der Praxis fort, doch die
war’n dann vom Lachen.

Ja, das Beste war :
wir haben viel, so viel gelacht !
Trotz guter Laune

und trotz vieler Müh :
Irgendwann war’s dennoch aus
mit Restaurieren.

Nur ein paar Säulen,
kalt und tot, die blieben stehn,
um ein Meisterwerk

an Bastelleistung
im Mund mir zu verankern,
mandibularwärts.

Im Oberkiefer
hält ein frommer Wunsch das Teil,
wenigstens bis jetzt.


Ein neues Leben
hat begonnen, ohne Schmerz,
doch voll Entsagung –

keine Möhren mehr
(na gut, ich bin kein Hase),
keine Mohnbrötchen,

und wer Feigen isst
(Sie wissen schon : die Kerne !),
der ist selber schuld…

Mein Zahnarzt wurde –
michbezüglich arbeitslos
geworden - zum Freund.

Und seither schenkt er,
statt Zahnstein zu entfernen,
Sammelschätze mir,

aus Bachbett, Steinbruch –
und ich revanchiere mich
mit ebensolchen.

Merci, docteur !




Autor: Cleo Wiertz (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Eine Prise Galgenhumor kann nicht schaden...
Quelle: Die Autorin selbst