Vorlesen
„Nun lies doch!“
Er aber stockte, denn ein solches Wort hatte er noch nie gelesen oder gehört. Leise formten seine Lippen das Wort: „Gan.“
„Lauter, bitte!“ In der Stimme seiner Lehrerin schwang ein Vorwurf mit.
Die Mädchen in der zweiten Bank kicherten. Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Den Anfang hatte er bereits gesagt. Nun ging es darum, den Rest des Wortes zu ergründen. Laut las er: „Gangun.“
Es gab nichts in seinem Leben, das er irgendwie mit Gangun in Verbindung bringen konnte. In Gedanken zog er alle Register und suchte nach einer Auflösung dieses Knotenwortes. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Hinter ihm knisterte jemand verstohlen in einer Plastiktüte. Er hörte, dass auch die Jungen in der Klasse zu tuscheln begannen. Sie redeten über ihn. Warum hörte das nicht auf? Jetzt im Boden versinken. Einfach fort sein, dachte er.
„Streng dich an!“
Er gab sich alle Mühe. Das Wort Haustür war ihm zuvor leichter gefallen. Auch Autorad hatte er lesen können. Aber Gangun ergab keinen rechten Sinn. Schlimm war, dass das Wort sich weiter in die Länge zog. Es war noch nicht zuende. Was bedeutete der hintere Teil des Wortgebildes? – Er entzifferte -sich-. – Sich selbst kannte er. Aber was hatte -sich- mit Gangun zu tun? Er entzifferte -er- und -hei -. Was nur mochte das bedeuten? Warum begriff er nicht, was die anderen in der Klasse längst verstanden hatten? Ein Gefühl von Hass gegen alle und gegen sich selbst erwachte in ihm.
Seine Lehrerin seufzte unterdrückt. Ihre Geduld war am Ende. Er merkte es ganz deutlich, als er ihr Gesicht sah. Mit erzwungener Ruhe sagte sie: „Das Wort heißt Gangunsicherheit. Merk dir das.“
Er spürte Scham und eine vage Erleichterung. Ja, dachte er und starrte hilflos in das Lesebuch auf seiner Bank. Sein rechter Zeigefinger ruhte noch immer unter dem langen Wort, dessen Form er sich einzuprägen versuchte: Gangunsicherheit. Wenn ihm das nächste Mal dieses Wort begegnete, würde er es erkennen. Ganz sicher.


Autor: Erhard Schümmelfeder (62 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: In jeder Schulklasse der Welt gibt es lesestarke und leseschwache Schüler. Im Laufe der Zeit
begegneten mir immer wieder Kinder, die entsetzlich litten, wenn ihr "Versagen" in der Öffentlichkeit
deutlich wurde. "Vorlesen" ist eine straff formulierte Kurzgeschichte, in der ich den Versuch unter-
nehme, durch Einfühlung das emotionale Erleben eines von Versagensangst gepeinigten
Kindes darzustellen.
Quelle: Aus "Kess", Erzählungen, 2013, von Erhard Schümmelfeder