Warum ich schreibe
Warum ich schreibe
Späte Nacht. Die Uhr tickt dummbresig in die Stille, feiert das Dahinsiechen des Tages, feixend wie Karnevalsgetröte. Die Zeiger verharren nur ungeduldig auf dem Fleck, schadenfroh schieben sie sich vor, in für mich immer ungünstigere Positionen. Alles hat sich verschworen, aus den Augenwinkeln sehe ich das Bett immer näher an den Schreibtisch rücken, von links. Die Decke windet sich anzüglich, das Kissen in kuscheligster Position. Doch ich halte aus, schiebe den Kuli über das Blatt, immer kleiner werdende Wellenlinien hinterlassend. Etwa in der Mitte muss ich ihn unter meiner Nase durchzwängen, die sich unaufhaltsam dem Blatt nähert, die Unfähigkeit meiner fiebrigen Augen ausnutzend, die Entfernung abzuschätzen.
Es treiben mich nicht die Ideen, die jedem normalem Schriftsteller von innen an die Schädelwand trommeln, aber der Schmerz ist derselbe. Ein Druck im Kopf, eine Unruhe. Sie treibt mich zum Schreibtisch, legt mir den Kuli in die Hand...
...ich warte... es passiert nichts, nur die Müdigkeit wird stärker und das Ticken der Uhr bohrt sich in die Gehöhrgänge, frisst sich durch meinen Kopf- ansonsten ist Pause. Es hat keinen Sinn aufzustehen, ich muss, ich bin ein Junkie, kreativ-süchtig, ich muss jetzt schreiben, ohne kann ich nicht schlafen. Stumpf sitze ich vorm Schreibtisch, starre ins Nichts und warte, dass die Ideen die Arme herab aufs Papier fliessen, Denn so ist es sonst immer, ich überlege nicht, jemand anderes denkt, ich bin bloss die Schreibmaschine.
Ich erwache durch das Erschlaffen der Nackenmuskulatur, oder vielmehr, weil ein dumpfes Poltern entsteht, als meine Nase auf die Tischplatte aufschlägt. Die Uhr lacht höhnisch. Sie ist ein Arschloch, schon immer. Von ihrem Klingeln kriege ich Zahnschmerzen, weil mir die Amalgamfüllungen aus den Zähnen springen. Kriegt sie wieder! Ich fange an über sie zu schreiben —den Rest kennt ihr ja...
… … und hier sind wir also, habe eine Idee, ein Thema, eine Frage. Was treibt mich zum Schreiben, warum gottverdammthimmelarschnochmal muss ich bloss immerzu kreativ sein? Ich will ganz normal sein, kiffen und Playstation spielen, Furbys killern, ich kann nicht. Kann ich nicht wie jeder normale Junge vor dem Einschlafen onanieren statt Geschichten zu schreiben? Lesen tut sie eh keiner. Und wenn das so ist, was für eine kranke Kommunikation betreibe ich hier -und vor allem wer kommuniziert? Bin ich schizophren, weil ich für mich selber schreibe? Rede ich mit dem Unterbewussten? Wenn ja, lässt das keine andere Entscheidung zu, als eine sofortige Selbsteinweisung in eine Heilanstalt, bei diesem offensichtlich hohen Grad an Verwirrung. Vielleicht ist es nur der Schlafentzug und Schlafanzug wäre die vernünftigste Entscheidung, aber die bewegt sich für mich Nacktschläfer in fast irrealen Gefielden.
Ich bemühe mich um eine aufrechte Sitzposition, denn die wirkt sich förderlich aus, auf Aufmerksamkeit sowohl als auf Konzentrationsvermögen, beides dringend vonnöten jetzt. Ausserdem wirkt sie meinem Haltungsschaden entgegen. Ich nutze nämlich, zur Entlastung des Gesäßes, den unteren Teil der Rückenwirbelsäule zum Sitzen, eine üble Angewohnheit, vor allem wenn gleichzeitig die Nase auf der Tischplatte aufliegt. Muss ein unausstehlicher Anblick sein von der Seite.
Es hilft, mit Aufrichtung der Wirbelsäule entfalten sich die Energieleitbahnen, der räumlich - zeitliche Orientierungssinn kehrt zurück, nichtsdestoweniger mir das Bett inzwischen auf dem Schoss sitzt. Aber es läuft jetzt, ich brauche den Kuli nicht mehr schieben, er zieht die Hand über das Blatt, will erzählen. Ich lasse ihn, ich habe anscheinend viel zu sagen und weiss nicht was, am Ende steht es jedenfalls da und ich habe es wohl geschrieben. Wahrscheinlich bin ich mein erstauntester Leser (ihr solltet mein Gesicht sehen wenn ich diese Zeilen lese).
Mein Kuli ist psychoanalytisch sehr begabt, er schreibt Sachen, die ich über mich nicht zu denken wagen würde, schreibt sie einfach so, ohne irgendwelche Anzeichen von Berührtheit.
Und Witze. Wenn man sich selber Witze erzählen kann, ist es sicher, dass irgendetwas schiefläuft, denn Witze funktionieren durch die plötzliche und unerwartete Auflösung einer Spannung in unserem Kopf, entweder durch Wendung oder Verstehen einer Situation. Ich schreibe mir Witze. Der Kuli kladdert sie hin, sie stehen. auf einmal auf dem Blatt. Ich habe es ihm gesagt, dass mich seine Psychokacke nervt und die ständigen Blödeleien, dass ich ernsthafte philosophische Abhandlungen schreiben will, um andere zu belehren und verdammtnochmal von meinen eigenen Fehlern verschont zu bleiben. Aber in solchen Situationen tut er ganz normal, guckt mich an mit einem Blick wie... „Heeeey, was ist los mit dir mann...? Komm mal zurecht, du redest mit deinem Schreibutensil… …ich mach mir e c h t Sorgen um dich.
Nun, ich musste herausfinden, dass er recht hatte, ich wechselte das Schreibgerät - das Problem blieb.
Schreibe ich am Ende gar um etwas über mich selbst herauszufinden? Ist Lesen Voyeurismus, ergötzt sich der Leser daran, wie der Autor sich einen Weg zu sich selber schreibt, sich heranpirscht an sich selbst, durch eine geistige Hintertür? Ist Schreiben eine Beichte für verklemmte Idioten die so tun, als würden sie mit niemandem sprechen und schon garnicht über sich selbst? Dann bin ich der schlimmste von allen, ich tue sogar so, als würde ich noch nichteinmal schreiben, schiebe alles auf den Kuli und lese es dann, um von mir, über mich zu lernen. Tue so, als hätte Caspar der freundliche Geist mir soeben einige Seiten schwer lesbaren, handschriftlichen Wahnsinns überreicht, Autor unbekannt.
Manche Religionen sagen, .Gott habe das Universum erschaffen um etwas über sich selbst herauszufinden, schämen brauche ich mich also nicht, obwohl meine Schöpfungen sich da-gegen natürlich recht mickerig ausnehmen, aber vielleicht brauche ich ja auch nicht ganz soviel verstehen wie er, zumindest erstmal nicht. Andere Religionen sagen wiederum, er habe um des Schöpfens willen geschaffen, aus Liebe zur Vielfalt, rational natürlich eine dürftige Begründung aber emotional vielleicht verständlich. Und ich? Schaffe ich um des Schaffens oder des Verstehens willen? Oder weder noch? Schaffe ich mir vielleicht einfach nur künstlich Konversation, die ich real, mangels passendem Gesprächspartners, nicht führen kann? Hoffe ich, dass einer dort draussen sich angesprochen fühlt und mich versteht? Wäre hoffnungslos, ich verstehe mich selbst nicht, gerademal kann ich mir folgen.
Als der Kuli den Punkt macht merke ich, was um mich passiert, Erschrecken umschnürt mir die Kehle. Lautlos hat das Chaos mich eingekreist, nur das Ticken ist merkbar schriller als zuvor. Die Decke hat sich um meinen linken Fuss gewickelt, zieht mich fort, weg vom Schreibtisch --und dieser, flüssig wie Dali's Zeit, hebt und senkt sich an den Ecken, die Beine sind aus schmelzendem Wachs und wabern umher, ziehen sich nach aussen halbkreisförmig in die Länge, schlagen Blasen und Tropfen. Der Wecker, die Sau, verbeisst sich in meiner Wade, natürlich links, wo ohnehin schon die Decke zieht. Nur der Kuli hält zu mir, schreibt tapfer weiter, wahre Freunde erkennt man in der Not! Die Schachtel mit den Büroklammern öffnet sich, sie schwärmen aus und ich bekomme das dumpfe Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein … da gibt der Stuhl nach, die Bettdecke umwindet mich, das Kissen stürzt sich auf mich, mit einem Klicken schliesst sich der Kuli, entgleitet meinen Händen, Adieu mein Freund, treu bis in den Tod, es ist aus, das Licht erlischt……..
Es ist Morgen, in beiderlei Hinsicht, ich habe obenstehendes gelesen und glaube, dass es surreal nicht enden darf Während ich weiterschreibe, liest meine Freundin den Rest, selbst sie weiss noch nicht mehr als ihr.
„Und….?“
„Naja...“
Naja, ist genau der Kommentar, den ich liebe, er drückt nichts aus, ausser das man heutzutage vieles lieber unausgesprochen lässt, dass keiner Kritik verträgt, oder dass man mir einfach nicht folgen kann, du bist krank!, dass heisst es auch. Ein Kompliment für einen Schriftsteller, ich bin ja kein Kinderbuchautor, ich muss keine Ordnung schaffen. Unruhe und Chaos bewegen, Ordnung dümpelt sonnenbeschienen als leichte Unterhaltung dahin, unfähig anderes als Schönheit zu beschreiben. Aber das muss natürlich auch sein.
Nach dem ,Naja‘ - Kommentar dürfte mir jedenfalls klar sein, dass es nicht die Konversation ist, die ich suche. Es ist die Zufriedenheit etwas geschaffen zu haben, die Selbstbestätigung. Ich erschreibe mir mein Selbstwertgefühl, bin am Besten, wenn es mir schlecht geht, dann habe ich mir am Meisten zu beweisen. Schreiben ist meine Selbstbefriedigung, deshalb tritt sie anstelle der Masturbation, wiegt mich in den Schlaf. Der Autor tötet den, der am Tag versagt hat, der Looser geht zum Schreibtisch, verlässt ihn als Genie. Ich bin wertlos ohne meine Bewunderung, brauche das Lob, zu klein bin ich ohne. Ich muss zeigen was in mir steckt, weil ich es nicht anbringen kann im Alltag, weil es keiner haben will. Es ist nichts als Gedanken, wertlos in einer Welt materieller Selbstversklavung.
Ich jammere nicht, ich grenze nur ab, sage laut, dass ich im Seitenaus stehe, dass ich nicht mitspielen will, weil eure Tore Für mich nicht zählen. Dass das so ist, muss ich mir beweisen, deshalb schreibe ich und das ist ein gutes Ende.



Einreicher: Literatur Apotheke ( Jahre)
Autor: David Rotter
Leseerfahrung:
Quelle: Stadt Lyrik 2000 – Lyrik-Säulen in der Stadt Hildesheim