Der gepanzerte Palast der Königin Schildkröte
Der gepanzerte Palast
der Königin Schildkröte

Zwischen der weiten Wüste mit ihrem weichen und tiefen Teppich aus losen Sandkörnern und dem dichten Wald mit seinen hohen Bäumen mit dicken grünen Blättern lag ein großes Königreich der Tiere. Es war reich und groß genug für die verschiedensten Tiere der Welt, die alle dort zusammenlebten. Aber dann fiel eines Tages die Dürre über das Tierreich her wie eine Armee von Blutsaugern und weigerte sich, wieder wegzugehen. Sieben Jahre lang blieb die Dürre bei den Tieren und machte die Savanne schwanger mit Alpträumen. Das Wasser hielt den gierigen Blick der Tiere nicht mehr aus und zog sich in den Regenwald zurück. Die dicken grünen Blätter der Bäume wurden dünn, nahmen eine goldene Farbe an und machten sich rar. Die Dürre, das himmlische Elend, stolzierte mit ihrem Totenkopf, ihren fleischlosen Rippen und ihren drahtigen Armen herum, und selbst der Geier, der Priester des Totenreichs, konnte nichts gegen ihren Stolz unternehmen. Damals war die Schildkröte die mächtige und gefürchtete Königin aller Tiere.
Kaum hatte die Dürre sich gezeigt, befahl Königin Schildkröte, daß alle Nahrungsmittel in ihren Palast in Sicherheit gebracht würden, damit sie mit brüderlichen Händen und mit den Augen der Zukunft verteilt würden. Diese Überlebensgedanken verpackte sie in einen weisen Spruch, der sich wie Buschfeuer in der Trockenzeit verbreitete: "Man soll seinen Körper heute nicht mit Nahrung überfüllen und ihn dann morgen vom Geist entleeren." Die Tiere taten, wie ihre Königin befohlen hatte. Aber es dauerte nicht lange, da fingen sie an, mit giftigen Gesichtern herumzulaufen. Sie sahen Königin Schildkröte von Tag zu Tag dicker und runder werden, und sie selber immer dünner und eckiger. Sie begannen, ihre liebe Königin zu hassen, weil diese alles für sich selbst und für ihren engeren Kreis behielt. Die Würdenträger und die Reichsältesten trugen die Beschwerden der Tiere zu Königin Schildkröte. Daraufhin rief sie alle Tiere zur Beratung zusammen. Vor ihnen hielt sie eine große Rede. Zum Schluß sagte sie mit weinerlicher Stimme:
„Mir ist diese Hitze unerträglich, fast mörderisch! Sie dringt sogar in meinen gekühlten Panzerbunker und macht mich verrückt! Ich bin mir ganz sicher, daß ihr es nicht leichter habt in eurem Zelt aus Tierfell." Da nickten die Tiere, einverstanden, mit dem Kopf. Es krachte überall, als ob Tausenden Fahrrädern fast gleichzeitig die Kette abgesprungen wäre. Die Tiere bestanden ja nur noch aus dünn bekleideten Knochen. Königin Schildkröte räusperte sich zufrieden, denn sie war sehr beeindruckt, daß die Tiere ihre Rede mit einem krachenden Applaus begrüßt hatten. Sie machte sich die Zunge feucht und fuhr fort:
„Wir können nicht lange tatenlos herumsitzen und zusehen, wie die Dürre uns das Fleisch von den Knochen raubt und uns dann dem Tod schenkt. Deshalb habe ich mir dir Freiheit genommen, von meinem königlichen Recht Gebrauch zu machen. Ich habe nämlich für euch alle nachgedacht und klug entschieden. Ihr sollt heute mit mir beraten, indem ihr meine Entscheidung nur noch mit einem kräftigen „Ja!" verabschiedete."
Die Tiere schüttelten verständnislos und resigniert den Kopf und es krachte wieder, als ob tausenden Fahrrädern fast gleichzeitig die Kette abgesprungen wäre. Königin Schildkröte war begeistert und sprich mit einer königlichen Ruhe weiter:
„Ich habe also entschieden - und Gott stand mir dabei nah -, daß jedes Kind seine Eltern umbringen muß. Nur so wird unser Reich gerettet, denn es wird weniger Münder geben für die immer weniger werdenden Nahrungsmittel. Wir müssen also rasch handeln, um größeres Unheil zu vermeiden. Jedes Kind soll binnen drei Tagen vor mir mit dem Kopf seiner Eltern erscheinen. Jede Weigerung wird mit dem Tod bestraft. Die Königin hat gesprochen!"
Da brach ein Schrei des Entsetzens aus. En gab aber auch vereinzelte Freudenrufe. Manche Tiere waren wie versteinert. Ältere Leute und alle, die Eltern waren, hatten Grund, sich aufzuregen. Die Würdenträger und die Reichsältesten sahen sich als Opfer einer königlichen Willkür, die keine Widerrede erträgt. Einige junge Tiere, die ihre Eltern haßten, sahen in der Entscheidung der Königin eine willkommene Gelegenheit, mit ihren gefräßigen Eltern abzurechnen. Nach einem kurzen Palaver mußten die Würdenträger und die Reichsältesten Königin Schildkröte rechtgeben. Die Königin habe klug entschieden. Sie hätte auch entscheiden können, daß die Eltern ihre Kinder töten sollten, denn Kinder lassen sich leichter machen als Eltern. Aber Königin Schildkröte habe eine Zukunftsvision: Kinder seien das Kapital für die Zukunft, und mit dem Kapital gehe man nicht leichtfertig um. Abgesehen davon sei es eine Freude für die Eltern, von ihren Kindern beerdigt zu werden, und nicht umgekehrt. Dies würde das Ende des Reichs bedeuten. Mit diesen Überlegungen erklärten sich die Eltern bereit, sich von ihren Kindern ohne Widerstand umbringen zu lassen. Sie fragten sich nur insgeheim, ob ihre Königin sich von ihren Kindern töten lassen werde. Mit dieser Frage im Hinterkopf verließen sie den königlichen Palast. Die Tierkolonnen machten sich wieder auf den Weg, quer durch die Savanne. Der Dschungel bebte, staubte, bebte, schwitzte. Der Boden und die Pflanzen litten unter den Hufschlägen der Tiere. Die Luft war gespannt und die Spannung wuchs, so schnell wie Bananen im Urwald. Der Tod ging spazieren. Wenn der Tod frei herumläuft, riecht es nach Blut. Man riecht den Tod, man spürt den Tod, man fühlt den Tod, man sieht den Tod, man hört, wie der Tod in einem Totenlied herangedonnert kommt:
„ Ne-moo!... Ne-moo!... Ne-moo! …Ne-moo!
Nie-nje! … Nje-nje! ... Nje-nje!...Nje-nie!
Ne-onwuoo! … Ne-onwuoo! … Ne-onwuoo! …Ne-onwuoo!
Nje-nje! … Nje-nje! … Nje-nje! … Nje-nje!“
In jener Nacht und in den Nächten danach waren überall im Wald seltsame Geräusche zu hören. Es waren metallische Klänqe. Das war das Lachen der Messer, die sich scharf machten. Das war das KIirren der KIauen, die sich scharf machten. Das war das Knirschen der Zähne, die sich scharf machten. Denn alle Tiere, die ein Stock oder ein Paar Eltern hatten, waren damit beschäftigt, ihre Waffen für den Todestag zu schleifen. Nur das Eichhörnchen saß still und dachte nach.
Bevor die Sonne ihr schüchternes Gesicht zeigte, das sie in einem Ieichten Wolkenschleier versteckt hielt, lief das Eichhörnchen schon in der Savanne herum. Es hatte sich geschworen, der Königin einen Strich durch die Rechnung zu machen, und suchte ein gutes Versteck für seine alte Mutter. Als der Abend dicht vor dem bewaldeten Tor der Savanne stand, erblickte das Eichhörnchen einen riesigen und vereinsamten Irokobaum. Zufrieden, ein Versteck gefunden zu haben, ging das Eichhörnchen zurück zu seiner Mutter.
Als der Tag sich ganz verdunkelt hatte, holte das Eichhörnchen seine alte Mutter und brachte sie zu dem riesigen Irokobaum. Unter dem riesigen Baum sagte das Eichhörnchen zu seiner Mutter: ,,Mama, hier oben bist du zu Hause, dort am Arsch des Himmels bist du gut aufgehoben."
Als Mutter Eichhörnchen nicht verstehen konnte, was ihr Sohn sich wieder ausgedacht hatte, mußte das Eichhörnchen ihr seine Pläne erzählen. Mutter Eichhörnchen hatte nur ein Bedenken: „Wie wirst du der Königin meinen Totenkopf servieren!“, fragte sie ihr Kind. „Laß das meine Sorge sein, Mama!“, erwiderte das Eichhörnchen. „Komm, steig in dein Hochhaus hinauf."
Mutter Eichhörnchen versuchte, auf den Irokobaum hinaufzuklettern. Sie versuchte, hochzukommen. Aber es gelang ihr nicht, denn sie war alt und schwach. Das Eichhörnchen konnte das Elend nicht mehr anschauen und begann, wieder nachzudenken, diesmal dachte es laut nach:
„Im Wald sind Riesenbäume. Nicht alle haben buschige Haare. Einige Bäume haben lange Zöpfe, die man Lianen nennt. Mit den Lianen kann man ein Seil flechten und zusammen knoten. Man kann damit auch eine Schwingtreppe bauen, mit der man älteren Tieren das Hochkommen leichter machen kann.“
Die alte Mutter Eichhörnchen hörte die Vision ihres Sohns und strahlte wie ein gesundes Baby. Gesagt, getan. Das Eichhörnchen schoß in dem Regenwald, seine Mutter humpelte ihm hinterher. Beide sammelten Lianen und stellten ein schönes Seil mit kopfdicken Knoten her. Dann kletterte das Eichhörnchen flink in den Irokobaum und befestigte das Seil an einem schenkeldicken Ast. Mutter Eichhörnchen war begeistert über den schönen Ausblick, den ihr Hochhaus ihr bot. Wohin sie auch blickte: Bäume, Bäume, Bäume. Bis zum Blindwerden. Aber das Eichhörnchen verlor seinen Verstand nicht vor der schönen Landschaft. Das Eichhörnchen fing wieder an, nachzudenken, und nach einer Weile sagte es:
„Mama, wir müssen uns etwas Kluges ausdenken. Wir müssen uns über ein Erkennungszeichen verständigen, damit nur wir beide ins Hochhaus hinauf dürfen, sonst kommt noch jedes Schwein zu uns hoch.“
„Ach mein Kind", sagte Mutter Eichhörnchen, „du bist ein Genie, das habe ich immer gewußt.“ „Also", fuhr das kleine Genie fort, „ich habe mir alles überlegt. Das Seil bleibt immer oben. Wenn ich dich besuche und alles in Ordnung ist, werde ich das Lied singen, das du mir einmal vorgesungen hast, als der Mond rot vor Freude war. Weißt du noch! Ich singe das Lied des roten Mondes. und du wirfst das Seil hinunter. Aber wenn ich das Totenlied singe, dann lass das Seil bloß oben und sieh zu, daß kein Schwein dich sieht."
Das Eichhörnchen schoß hinunter und verschwand im Regenwald. Mutter Eichhörnchen blieb in ihrem Hochhaus, sie hing an einem Zweig und redete übel über die Waldbewohner: „Ach dieses Wildschwein, das seine Kleider nicht wechseln kann! Muß das Schwein immer in den gleichen dreckigen Kleidern herumlaufen!... Und dieses Zebra mit seinem ewigen gestreiften Mantel, als ob die Zebramode noch „in" wäre!... Und die blöden Schimpansen mit ihrer Affenmusik, wie sie mir mit ihrem Affentheater auf den Geist gehen!... Ach! der hat mir noch gefehlt, das Stinktier! Hat es denn keine Freundin, die ihm ab und zu sagt: „Mensch, du faules Ei! Geh baden, denn du stinkst!..."
Mutter Eichhörnchen freute sich, daß sie ein ganzes Hochhaus für sich allein hatte, denn ihr Leben lang hatte sie ein winziges armes Haus mit ihren Geschwistern teilen müssen. Währenddessen durchkämmte das Eichhörnchen die Savanne auf der Suche nach einem Totenkopf den es der Königin als Ersatztotenkopf für seine Mutter schenken könne. Der vereinbarte Tag rückte immer näher. Das Eichhörnchen stolperte über den Kopf eines toten Fuchs-Babys. Zufrieden lief es zum Hochhaus und sang das Lied des roten Mondes:
„Obala esiwue muo - ila-ilai
O siwue muo - Ila-ilai
Na mu malu anu - Ila-ilai
O di egwue - lla-ilai"
Das Lied platzte in die Träume von Mutter Eichhörnchen. Sie warf das Seil hinunter. Das Eichhörnchen kletterte schnell hinauf und zeigte seiner alten Mutter ihren Ersatztotenkopf, und sie war glücklich wie ein gesundes Kind.
Der vereinbarte Tag kam.
Vom Hochhaus aus schauten sich das Eichhörnchen und seine Mutter die größte Prozession in der Geschichte der Tierwelt an. Alle Tiere standen in einr langen Schlange und marschierten langsam auf den Palast der Königin zu. Alle gingen mit ihren Totenköpfen unter den Armen. Kinder mit nur einem Stück Eltern trugen ihren einzigen Totenkopf gemeinsam. Kinder mit beiden Eitern teilten die Totenköpfe unter sich. Einzelkinder mit nur einem Stück Eltern trugen ihre Totenköpfe allein. Einzelkinder mit zwei Eltern trugen einen Totenkopf unter jedem Arm. Selbst die kleinen Ameisen gingen mit ihren Totenköpfen unter den Armen.
Sinngemäß heißt das: „Es riecht nach Blut... / Denn du hast ein Wild erlegt ... Es ist unglaublich."
Das Eichhörnchen stieg vom Hochhaus hinunter und stellte sich fast am Ende der Schlange an. Denn es rechnete damit, daß die Königin gegen Ende der Prozession müde Augen haben und daß das schwache Licht bei Sonnenuntergang ihr von geringer Hilfe sein werde. Dann werde es ihr den Kopf des toten Fuchs-Babys als Totenkopf seiner Mutter schenken. Und so geschah es auch. Als das Eichhörnchen an der Reihe war, hing die Sonne schief am Himmel und beugte sich gerade über die Berge am Horizont. Die müde Königin Schildkröte nahm dem Eichhörnchen den Totenkopf des Fuchs-Babys ab, warf einen flüchtigen Blick darauf und warf das Elend auf den Totenkopfberg vor ihrem Thron. Sie griff in die Tasche und gab dem Eichhörnchen den „Ausweis des guten Untertans", mit dem es in den Palast kommen und seine Ration Essen bekommen konnte. Nach dem Eichhörnchen kamen nur noch die Waldameisen und die Soldatenameisen, und sie bekamen ihren Ausweis rasch. Das Eichhörnchen lief schnell zurück zum Hochhaus und sang das Lied des roten Mondes. Im Hochhaus erzählte es seiner Mutter, wie die größte Prozession in der Geschichte der Tierwelt zu Ende gegangen war und sagte lachend: „Ach, du Armleuchter Königin." Es wurde Nacht, und in der Nacht schlummerten viele schöne Träume. Das Eichhörnchen und seine Mutter hatten sich zu früh gefreut. Denn als das Eichhörnchen am nächsten Tag spät abends von der Jagd zurückkam und das Lied des roten Mondes sang, saß der Fuchs vor dem Eingang seiner Höhle nicht weit vom Irokobaum und putzte sich die Zähne. Er sah, wie das Seil vom Himmel hinunterfiel und wieder mit dem Eichhörnchen hinaufschwang. Da sagte der Fuchs: „Ich glaube, mich plagt wieder ein Malariafieber." Aber der Fuchs glaubte nicht an Sinnestäuschung: Er versteckte sich und ging dem Wunder nach. Deshalb ist der Fuchs der erste Detektiv in der Weltgeschichte und nicht Ödipus, der seinen Vater erschlug, seine Mutter zur Ehefrau nahm, sich selbst aufklärte, um sich dann blind zu machen. Der Fuchs rannte schnell zur Königin und erzählte ihr alles, was er über das Eichhörnchen wußte und ahnte. Deshalb ist der Fuchs der erste Spion in der Geschichte der Tierwelt, und nicht der Wolf, wie man heute glaubt. Königin Schildkröte traute ihren Ohren nicht, als der Fuchs ihr, seine Wundergeschichte erzählte, denn sie hatte mit ihren eigenen Augen den Totenkopf von Mutter Eichhörnchen gesehen und Ihn mit ihren eigenen Händen gehalten. „Das kann nicht sein“, sagte sie „Der Fuchs Ist ein aufrechter Untertan oder vielleicht ein Intrigant, ein gemeiner Wolf. Und ich! Bin Ich etwa eine schwachsinnige Ordnungshüterin! Sollte das Eichhörnchen sich als ein unverschämter Rebell erweisen, werde ich ihm eigenhändig den Hals umdrehen."
Der Fuchs ließ sich aber von der Königin nicht in Verlegenheit bringen. Er schwor heftig bei dem Kopf seines verunglückten Sohns. Da entschied sich Königin Schildkröte, das Geheimnis des Eichhörnchens zu lüften. Sie rief eine Vollversammlung unter Ausschluß des Eichhörnchens zusammen. Nach einer kurzen Beratung setzten sich alle Tiere in Bewegung und marschierten durch den Wald dem Irokobaum zu. An der Spitze war Königin Schildkröte, getragen von ihren Dienern, umgeben von ihren sehr jungen Notablen. An ihrer Seite befand sich der Fuchs, der, da er nun zu den älteren Tieren zählte und sich im spannenden Geheimnis des Eichhörnchens gut auskannte, zu einem der wichtigsten Berater der Königin geworden war. Das ganze Tierreich hämmerte und rasselte durch die Savanne. Der Dschungel bebte, staubte, bebte, schwitzte. Der Boden und die Pflanzen litten unter den Hufschlägen der Tiere. Die Luft war gespannt und die Spannung wuchs, so schnell wie Bananen lm Urwald. Der Tod ging spazieren. Wenn der Tod frei herumläuft, riecht es nach Blut. Man riecht den Tod, man spürt den Tod, man fühlt den Tod, man sieht den Tod, man hört, wie der Tod in einem Totenlied herangedonnert kommt. Die Riesenkolonne näherte sich dem Irokobaum. Königin Schildkröte beriet sich mit ihrem Gefolge. „Exzellenz". sprach der Fuchs zu Königin Schildkröte, „Exzellenz, ich habe eine glänzende Idee. Ich werde mich so benehmen wie das Eichhörnchen." Er erzählte ihr seinen Plan. „Tu es nur mein Eichhörnchen", erwiderte Königin Schildkröte, die bei der Hitze und nach solch einer großen Anstrengung nicht mehr zu denken vermochte. Der Fuchs nahm Platz unter dem Hochhaus der Familie Eichhörnchen, atmete tief ein, verstellte seine Fuchsstimme und begann das Lied des roten Mondes zu singen. Mutter Eichhörnchen, die seit langem auf ihrem Sohn wartete, sprang auf und schickte das Seil hinunter, ohne vorher hinunterzuschauen. Das Seil zischte los und lag dem Fuchs vor den Füßen. Die Königin gab den Befehl und alle Tiere begannen, hinauf zu klettern. Sie sprangen auf und kletterten: Der Fuchs, die Geheimagenten, die Beamten, die Intriganten, die Richter. die Soldaten, die Henker, die Würdenträger und Ehrwürden, und ganz zum Schluß Königin Schildkröte und ihre Bodyguards. Sie hingen alle am Seil und schaukelten sich langsam hoch. In diesem Augenblick kam das Eichhörnchen zurückgelaufen, denn es hatte das Erdbeben gehört, es hatte die Staubwolken gesehen und sich ausgerechnet, was das sein könne. Als das Eichhörnchen das schaukelnde Elend sah, das am Seil hing und sich hochschwang, fing es an. das Totenlied zu singen. Mutter Schildkröte, die sich wunderte, daß ihr Sohn diesmal nicht so schnell wie sonst hochkam, wurde mißtrauisch. Sie schaute hinunter und erblickte das schaukelnde Elend. Schnell griff sie zum Küchenmesser und schnitt das Seil durch. Das große Elend plumpste auf den harten Boden mit einem furchtbaren Krach. Überall hörte man die Tiere schreien und weinen und klagen und fluchen.
Königin Schildkröte gehörte zu den allerletzten am Seil, und so plumpste das ganze Elend auf sie. Der Druck war so groß, daß ihr Panzer in viele Stücke zersprang. Sie jammerte und fluchte. Die Waldameisen, die vom Zusammenbruch verschont worden waren, machten sich daran, die Verletzten zu bergen. Sie sammelten die Bruchstücke des gepanzerten Palastes der Königin und klebten die Stücke mit ihrer Spucke zusammen. Aber es blieben überall Narben, die bis heute noch zu sehen sind. Seitdem war Königin Schildkröte häßlicher, ihr gepanzerter Palast war mit vielen Soll-Bruchstellen versehen. Sie wurde strenger, unberechenbarer und brutaler, ihre Untertanen wurden immer unruhiger. Jedesmal wenn Königin Schildkröte die Savanne durchwanderte, roch es nach Blut. Man riecht den Tod, man spürt den Tod, man fühlt den Tod, man sieht den Tod, man hört, wie der Tod in einem Totenlied herangedonnert kommt:
„Ne-moo! Ne-moo! Ne-moo! Ne-moo!
Nje-nje! Nje-nje! Nje-nje! Nje-nje!
„Ne-onwuoo! Ne-onwuool Ne-onwuoo! Ne-onwuoo'
Nje-nje! Nje-nje! Nje-nje! Nje-nje!



Einreicher: Literatur Apotheke ( Jahre)
Autor: Elias 0. Dunu, Nigeria, Dichter & Märchenerzähler
Leseerfahrung: Autor: Elias 0. Dunu, Dichter, Märchen- und Geschichtenerzähler aus Nigeria präsentiert hier die "oral literatur", eine traditionsreiche Erzählkunst, die in Afrika heute noch lebendig ist. Elias 0. Dunu, geboren 1961 im Tschad und dort aufgewachsen, kehrte 1979 nach Nigeria zurück. Zur Vertiefung seiner Deutschkenntnisse reiste er 1982 zum ersten Mal in die Bundesrepublik Deutschland und lernte ein Jahr lang die Sprache an der Universität Saarbrücken. 1985 bis 1986 absolvierte er ein Magisterstudium (Deutsche und Französische Literatur) an der Universität Hannover. Nach einer vierjährigen Tätigkeit als Dozent für Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts an der University of Nigeria, Nsukka kehrte er 1992 an die Uni Hannover zurück, wo er im Bereich der Vergleichenden Literaturwissenschaften - Deutsche und Afrikanische Literatur - 1998 promovierte.
Vor dem Hintergrund der Hinrichtung des nigerianischen Autors Ken Saro-Wiwa organisiert er bundesweite Symposien, um das Augenmerk auf die Menschenrechtsverletzungen und die Umweltzerstörung in Nigeria zu richten.
Bislang hat er 2 Gedichtbände veröffentlicht, "Inner Slums - Herznebel" (1995) und "Naked Landscape" (1998), sowie viele Märchen und Fabeln. Er spricht fließend Igbo, Englisch, Nigerian Pidgin, Deutsch und Französisch.

Quelle: Stadt-Lyrik ´99 (Lyrik-Säulen in der Stadt)
Quelle: Stadt-Lyrik ´99 (Lyrik-Säulen in der Stadt)