Kindheit
Kindheit

In meiner Wunderkammer
hab ich ein Schraubdeckelglas.
Ganz golden schimmert darin
das Terpentin,
das meine Kindheit
konserviert.
Jetzt rieche ich Bilder:
Wie Vater mir
Tiere aufs Kopfkissen druckt
und Mutter dazu
Lieder singt.
Aus jedem Holz
und aus meiner Tapete
schaut ein Irgendwer
frech heraus.
Im Garten, am Rücken der Bank,
ein riesiger Pilz,
vom Traumtier beknabbert.
Des Morgens
weckt mich Vaters Klavier
zu Rübenkraut und Getreidekaffee.
Worte, verschmitzt
durcheinandergerührt,
führen mich in den Tag.
Der Eintopf am Mittag
ist schlicht und grau.
Ich höre buntkarierte Geschichten,
und meine Gedanken
leuchten.
Ich schließe das Glas
mit sanfter Hand.
Auf dem Ofen kocht der Kakao.



Einreicher: Literatur Apotheke ( Jahre)
Autor: Marlies Blauth

Leseerfahrung: Bin Künstlerin/ Synästhetikerin. Ein Gedicht oder ein Bild zu komponieren ... beides ist ähnlich, beides ist eine Herausforderung
Quelle: Hildesheimer Lyrik-Wettbewerb 2010