Die Kunst der Freiheit
Die Kunst der Freiheit

Politik ist oft gänzlich unpoetisch. Und oft ebenso weit entfernt vom Wesen des Menschen. Und doch haben wahre Poesie und wahre Politik eines im Wesen gemein: sie begegnen sich im Menschen ! Im ganzheitlichen Menschen. Mit seinen Sehnsüchten und Ängsten, seinen Höhen des Glücks, seinen Tränen der Verzweiflung. Aber auch und immer wieder mit seinen Träumen und Hoffnungen. Auf den sich beständig wandelnden und doch immer wiederkehrenden Lebenskreuzungen der Entscheidungswege des Wahren, Schönen, Guten.

Rainer Maria Rilke – einer meiner Lieblingspoeten in Goethes Sprache - sagt es in seinem « Ur-Geräusch » wie folgt : « Dem Dichter muß das vielfältig Einzelne gegenwärtig bleiben.» Als poesie- und menschenverliebter Politiker bejahe ich diese Erkenntnis zutiefst. Hinter den Zahlen, hinter den Plänen, hinter den Worten steht immer der einzelne, einzigartige, vielschichtige Mensch. Vielschichtig wie das Wort, das immer am Anfang steht. Nur eine erfinderische und ergo poetische Sprache lässt die Menschen die Komplexität einer vernetzten und beschleunigten Welt spüren. Politik kann hier noch viel von der Poesie lernen. Denn nur ein poetischer Logos kann, wenn er denn von der Politik dialogisch beantwortet wird, die Welt in einem beständigen Prozess der Vermenschlichung verändern. Etwa so wie jener von Victor Hugo, der bereits 1872 in Lugano von der Zukunft eines vereinten Europas im Licht, in Freiheit und in Frieden träumte !

Gerade auf der « Insel » des LyrikParks 2010 der alten und gleichzeitig so jungen Stadt Hildesheim, zwischen Kaiserstrasse und Kennedydamm, wo die in der Tat einzigartige Kulturidee eines Lyrikparks allen Sprachen der Poesie eine sinnlich-visuelle Gestalt verleit, kommt mir ein altes, im Herzen jedoch junges Kennedywort in den Sinn : « Denn letztlich bildet die Tatsache, dass wir alle Bewohner dieses kleinen Planeten sind, das uns im Tiefsten gemeinsame Band. Wir alle atmen die gleiche Luft. Uns allen liegt die Zukunft unserer Kinder am Herzen. Und wir sind alle sterblich. » Wir Politiker vergessen dies von Zeit zu Zeit. Dann müssen wir daran erinnert werden. Nicht zuletzt von den Dichtern ! Vor allem aber von den sogenannten einfachen Menschen.

Doch kein Mensch ist einfach nur einfach. Menschen sind Subjekte, keine Objekte. Das Menschliche an sich ist ein dialektisch Ringendes zwischen Einfachheit und Komplexität, zwischen «Beständigkeit und Wandel». Ohne Wandel des Seins gibt es keine Beständigkeit des Sinns. Ohne Beständigkeit des Sinns führt jeder Wandel zwangsläufig ins Nicht-Sein. Der Hildesheimer LyrikPark stellt – wie gute Politik - den Menschen mit all seinen Sein- und Sinn(es)-Facetten in den Mittelpunkt. Das vorbildliche, weil menschelnde Kunstprojekt transzendiert damit die – in Deutschland und anderswo – oft zu verschlossenen und undurchlässigen Schubladen von Kultur, Kunst, Poesie… und Politik.

Viele Politiker erinnern mich dabei manchmal an Rilkes Panther. Sie hören im Herzen auf zu sein. Dabei beginnt das Sein erst im Herzen! Gerade das Sein des Menschen. Gerade auch das Sein Europas. Jean Monnet wollte, hätte er nochmals von vorne anfangen können, mit der Kultur beginnen. Nicht mit einer hohen Kultur der Eliten. Nein, mit einer authentischen, brüderlichen, familiären Kultur der Herzen. Dies ist die eigentliche Botschaft Europas an sich selbst und an die Welt. Ein Botschaft eines – bei allem Sand im Brüsseler Getriebe - funktionierenden Friedens und einer funktionierenden Freiheit. Auch wenn wir, wie Rilkes Panther, beim «Vorübergehn der Stäbe» manchmal müde werden. Und uns dann auch ist, «als ob es tausend Stäbe gäbe».


Doch mit Rilkes Stäben ist es wie mit Jean-Jacques Rousseaus Ketten: sie sind letztlich nur Illusion ! Der Mensch ist nicht nur frei geboren. Er ist und bleibt auch frei! Wenn er sich denn nicht selbst in Ketten legt oder legen lässt. Diese tiefe Freiheit des Menschen hat im Übrigen letztlich auch die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht. Bismarck bezeichnete einmal, vermeintlich realpolitisch, Politik als die «Kunst des Möglichen». Doch manchmal muss Politik auch die Kunst des vermeintlich Unmöglichen sein. Gerade in Europa, wo, um es mit Helmut Kohl zu sagen, die «wahren Realisten» oft die Idealisten sind. In jenen seltenen Sternstunden, dann wenn sich der «Vorhang der Pupille» lautlos aufschiebt, verschmelzen auch die Grenzen von Politik und Poesie. Sie lösen sich langsam auf. Übrig bleibt nur der Mensch. Sein Licht, sein Frieden, seine Freiheit…

Feiern Sie ein sinnliches und besinnliches « Fest der feinen Sinne », der Freiheit der Poesie und der Menschlichkeit der Politik im schönen Hildesheim!

Ihr
Jean-Claude Juncker

Grußwort zum Lyrik Park 2010



Einreicher: Literatur Apotheke ( Jahre)
Autor: Jean-Claude Juncker, Politiker
Leseerfahrung:
Quelle: Hildesheimer Lesezeichen 2011