Außer Kontrolle
Bruno arbeitet seit vierzehn Jahren als Fahrscheinkontrolleur in der Straßenbahn. Früher war er alleine unterwegs, heute ist Barbara dabei. Er kennt sie alle, die Ausreden der Schwarzfahrer. Manche sind wirklich urkomisch, zum Beispiel die einer jungen Frau, welche
ihnen weiß machen wollte, dass ihr schnaufender Mops die Fahrkarte soeben aufgefressen hätte. Wenn es nach Bruno ginge, müsste so viel Einfallsreichtum belohnt werden, aber die Zeiten, wo ein Kontrolleur beide Augen zu drücken durfte, sind vorbei. Vielmehr ist eine Ära der Strenge angebrochen. Gelegentlich kommt sich Bruno hartherzig vor, aber auf der anderen Seite schlägt ihm auch viel mehr Aggression als früher entgegen.
Der Leiter des letzten Deeskalationsseminars hatte gleich zu Beginn verkündet: heutzutage leben Kontrolleure gefährlich. Die Finger spitz zur Decke gestreckt, hatte der Coach alle notwendigen Persönlichkeitsmerkmale aufgezählt, die ein Kontrolleur mitbringen sollte: einen guten Riecher, Durchsetzungsvermögen, Selbstbeherrschung und Fingerspitzengefühl. Von Humor war nicht die Rede gewesen. Gleichwohl wusste Bruno, dass die Lachforschung herausgefunden hatte, dass eine gewisse Portion Humor zur Konfliktlösung beitragen kann. Er jedenfalls ist mit seinem Lebensmotto: „Wer lacht, lebt länger – und vor allem gesünder“, immer gut gefahren. Es stammt aus Goethes Faust. Um das Seminar ein wenig aufzulockern, hatte er einen Witz erzählt: „Meint der Kontrolleur zum Fahrgast: Warum haben sie denn keine Fahrkarte? Antwortet der Fahrgast: Ich versuche zu sparen.“ Keiner der Anwesenden hatte gelacht.
Mit Barbara ist es dagegen oft lustig. Sie gehört zu der Sorte Frauen, die auch nach schweren Schicksalsschlägen ihren Frohsinn nicht verliert. Zwei ihrer Kinder waren gestorben, das eine bereits im Alter von zwei Jahren an Leukämie, das andere mit Achtzehn bei einem Autounfall. Kurzdarauf hat sich ihr Mann das Leben genommen. Er war es gewesen, der dem Sohn das Auto geschenkt hatte. Nun lebt Barbara bei ihrer Tochter und versucht das Beste aus dem Rest zu machen. Wenn sie die Fahrkarten kontrolliert, ist sie sich immer bewusst, dass der Mensch vor ihr ein Schicksal hat. In jedem Lebensrucksack liegen mehr oder weniger schwere Steine. Wenn die Ausrede kommt: „Es tut mir leid. Ich war gerade auf einer Beerdigung und habe die Fahrkarte ganz vergessen“, übernimmt Bruno sofort das Gespräch, so dass sich Barbara in den sicheren Hintergrund zurückziehen kann. Insgeheim bedauert sie, dass Bruno verheiratet ist. Trotzdem genießt sie jede Minute mit diesem achtsamen und humorvollen Mann an der Seite.
Nachdem die Türen eingerastet sind, beginnen Bruno und Barbara mit der Kontrolle: „Die Fahrtkarten bitte“, brummt Bruno gutmütig wie ein Bär. Wer seinen Fahrschein nicht in der Hand hat, beginnt sogleich in der Tasche zu wühlen. Reißverschlüsse ratschen, Stoff raschelt, Bewegung kommt ins Abteil. Eine dunkelhaarige junge Frau streicht sich die Haare hinter die Ohren. Sie blickt mit großen, grünen Augen auf Bruno. Barbara macht sich zum Eingreifen bereit, denn sie kennt das weiche Herz ihres Kollegen. „Oh, mein Freund hat eine Fahrkarte für mich mitgelöst. Da es so voll an der Haltestelle war, konnten wir nicht gemeinsam einsteigen. Er steht dort vorne. Sehen sie ihn, den jungen Mann mit den blonden Haaren und der blauen Jeansjacke?“ Sie winkt in die besagte Richtung. Barbara folgt der Bewegung mit den Augen. Der Junge winkt zurück. Er sieht ihrem verlorenen Sohn zum Verwechseln ähnlich. Gedankenverloren stürzt sie hinter Bruno her, der bereits auf dem Weg ist. Als er die Fahrkarte der Freundin verlangt, bekommt er zur Antwort: „Leider kenne ich das hübsche Mädchen gar nicht.“ In dem Moment öffnen sich die Türen und die junge Frau ist verschwunden. Barbara stammelt eine Entschuldigung, weil sie nicht bei der jungen Frau geblieben ist. Bruno lacht: „Das war doch mal was ganz Neues. Lieber charmant abgezockt als brutal zusammengekloppt.“


Einreicher: Henrike Staudte (40 Jahre)
Autor: Henrike Staudte
Leseerfahrung: Ich verpacke gerne Fachinformation in Geschichten. Auf diese Weise werden sie lebendig. Mich beschäftigt das Thema Kontrolle. Einer meiner Lehrer sagte oft: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Doch wie viel Kontrolle verträgt der Mensch? Was passiert, wenn zu viel Kontrolle und zu wenig Vertrauen da ist? Es scheint sich um eine Gratwanderung zu handeln, bei der uns vielleicht eine gute Portion Humor beistehen kann.
Quelle: meine Feder