Im Yspertal
Die Donau wird sich durch saftige Hügelebenen schlängeln, so lange sich Mariandl auf -landl reimt. Gleichzeitig ist sie schon lange nicht mehr blau. Am Autofenster huschen Weintouristen vorbei, die in Steppjacken durch beschaulich wirkend wollende Weinkellerreihen stapfen, ein paar Kilometer dahinter liegt das Seniorenheim. Seit einigen Wochen ist das untere Gebiss irgendwie verschwunden. Dabei war es eh schon zerbissen, von Pagini. Als sie noch klein war ist nämlich Pagini, die freche Mopsmischung die ihrer Tochter gehört, zur Gretl aufs Bett gesprungen wo unter dem Kopfkissen ihr Gebiss lag. Eines Morgens, Gretl schläft noch halb, hört sie ein komisches Kaugeräusch. Als sie sich aufrichtet, sieht sie Pagini auf dem Boden genüsslich auf ihrem zweiten Gebiss rumkauen. Die Annamaria aus dem zweiten Stock hat sich so über den Hund gefreut, dass ihr Gesicht, in das sie sich hin und wieder selbst schlägt, aufleuchtete. Auch Gretls Zimmernachbarin, der früher übel mitgespielt wurde, nachdem ihr Mann gestorben ist, musste sie Dinge tun, die sie sich lieber erspart hätte, auch sie hat sich gefreut. Genauso wie über die schönen bunten Blumen die Gretl jeden dritten oder vierten Tag pflückfrisch aus dem seniorenheimischen Garten ins Zimmer brachte. Doch irgendwann haben sie ihr nicht mehr gefallen und sie wurde auch sonst richtig gemein zu ihr. Hat mit Gretls Waschlappen den Boden die Duschkabine ausgewischt und ließ die Zimmertür offen stehen, wenn sie wusste Gretl hätte sie lieber zu gehabt und machte sie zu, wenn sie wusste, Gretl hätte sie lieber offen. In der Esshalle sitzt eine Bande engbrüstiger Senioreninnen, deren Stirnfalten dir zwinkern, dass du dich besser nicht mit ihnen anlegst. In den ersten Wochen hat sich Gretl noch schick gemacht, die Wimpern getuscht und so weiter. Doch dann haben ihr die Männer im Rollstuhl schöne Augen gemacht und seitdem hält sie sich ein bißchen zurück, denn so war das nicht gemeint, sie hat sich ja schließlich für die anderen Frauen an ihrem Tisch und die Schwestern hergerichtet. Überhaupt sind die Männer die, die den Schwestern die meiste Arbeit machen. Sie zeigen überhaupt keine Eigeninitiative, sitzen nur mehr im Rollstuhl und lassen sich herumkutschieren. Gretl stösst sich mit den Beinen ab und hat so ihren Rollator zu einem rückwärst fahrenden Sitzkissen auf vier Rändern umfunktioniert. Annamaria schlägt sich ins Gesicht. Es gibt eingebrannte Kartoffelsuppe. "Die Psychiatrie ist ein Sanatorium gegen das Seniorenheim", raunt mir Gretl unter vorgehaltener Hand zu.


Autor: Pasquale Virginie Rotter (39 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Donau hat auch schon bessere Zeiten gesehen.
Quelle: Im Yspertal