Der Mann auf der Krimm
Der Mann auf der Krim

Es gab mal einen Mann, der ganz alleine auf der Krim lebte; er legte sich täglich mit festem, erdenschwerem Griff die Hand auf die Brust, um genau zu sein: auf das Herz, und sagte sich: morgen werde ich sterben, morgen ist es soweit. Das tat er, wie gesagt, täglich, ohne Ausnahme, und sagte sich dabei immer dasselbe. So ging es mit ihm über Jahre und immer während er seine Hand auf die Brust legte, spürte er eine schaurige Angst vor dem Unvermeidlichen. Denn er wollte nicht sterben, wusste aber, dass es am nächsten Morgen soweit wäre.
In diesem Zustand der Angst lebte er all die Jahre, entsprechend zurückgezogen, gedankenverkürzt, unscheinbar, im Schatten der breiten Alleen des Lebens, wo der Wind hindurchging und die Sonne sich zuweilen bettete. Allerdings trat nicht ein, wovor er Angst hatte. Jahrein, jahraus legte er sich zwar täglich die Hand auf die Brust, spürte seinen Herzschlag, seufzte ab und an, aber es geschah nichts. Er war kerngesund und lebte frei von körperlichen Leiden. Über die Zeit hinweg wurde ihm seine Angst, oder vielmehr: sein Irrtum bewusst. Er merkte, dass er sich umsonst die Hand auf die Brust legte. Daraus schöpfte er ein vorsichtiges Vertrauen zum Leben, welches sich nach und nach in ihm aufdrängte. Allmählich reifte es zu der Selbstgewissheit, dass sein Organismus vielleicht doch lebenskräftig und vital sei. Er schlich sich dem Leben heran, wie eine Raupe durch grüne Blätter kriecht, um sich in sich für das wirkliche Leben vorzubereiten.
Eines Tages, nachdem er sich dieser Gewissheit nicht nur gewiss, sondern von ihr buchstäblich aufgesogen war, legte er sich unter Aufbringung großen Mutes entgegen jahrzehnter Gewohnheit, die sich wie zu einem Gesetz statuierte, das nun gebrochen werden musste, die Hand nicht auf die Brust und sagte sich dabei: morgen werde ich leben, morgen ist es soweit. Ich will nach Odessa, nach Moskau, nach Warschau und so weiter. Bis es zu diesem in Tat umgesetzten Entschluss kam, waren jedoch zwischenzeitlich viele, viele Jahre vergangen. Dieser in jungen Jahren so lebensängstliche Mann, der sich irgendwo auf der Krim zurückzog, wurde von den Jahren verschlungen, in der Zeit gerädert, wie Getreide in einer Mahlmühle, ohne es bemerkt zu haben. So stand er am folgenden Tag, vor dem er das erste mal die Hand nicht auf die Brust gelegt hatte, nicht mehr auf und sollte, entgegen aller Gewissheit, die er gewonnen zu haben schien, nie mehr wieder die Hand auf die Brust legen können, selbst wenn er es wieder gewollt hätte. Denn er starb.


Autor: Mesut Bayraktar (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Literatur ist mein Hafen in der Welt.
Der eingereichte Text ist eine Parabel für eine Vita activa.
Quelle: Ausschnitt aus der Brudernovelle / Die Brüder (in Arbeit befindliche Erzählung)