Eines Tages
Eines Tages…
Eines Tages hatte sie begonnen zu schreiben, wenn man es schreiben
nennen konnte, in dem Augenblick, als sie den dicken Stift umgriff wie
ein Messer, anlief gegen dieses gelbe Quadrat an der Badezimmertüre und
die Bleispitze hineinrammte,
sie wild einhieb auf diesen gelben Zettel, darauf Spuren hinterließ.
Aus Schlagen, Stechen, Hämmern wurden Striche, Zeichen, Punkte.

Sie, atemlos von galoppierender Wut.
Erst als die Mine gebrochen, die Holzsplitter in ihre Hand staken,
beruhigte sich ihr Puls.
Tausend beobachtende, kritisierende Augen höhnten ihr entgegen aus
dem durchlöcherten Stück Papier. Eines von Wievielen und täglich Neuen,
verteilt über 80 Quadratmeter gemeinsamer, zweisamer, einsamer
Behausung, in der es keine Stimmen mehr gab.
Tonlose Räume.
In diese stummen und blicklosen Zimmer hinein setzte ER seinen gelben,
rechteckigen Willen, - seine Notate mit Aufforderungen, Hinweisen,
Befehlen, Verboten, - Warnungen zuletzt.

Wenn sie morgens aufstand, nachdem er gegangen war, sie schlaftrunken,
wie heute, zum Badezimmer wankte, grellten sie ihr entgegen von allen
Seiten.
Sie hob die Bleibrösel und Holzsplitter vom Boden, ging zum
Küchentisch und starrte auf die exakte Männerhandschrift aus Grossbuchstaben.
Kein Buchstabe eine Verbindung zum anderen, schwebten sie auf
einer gedachten Horizontalen, ohne geringste Abweichungen nach oben
oder unten. Zeilen, perfekt, wie dieser Anzugmann in seiner Aktenkoffer-
existenz, die er geworden war. Ein Aktenkoffer, der Zettel gebar,
die sich jetzt einbrennen in ihre Netzhaut, drei Stück an der vorderen


Tischkante.
Sie tanzen vor ihren Augen.
Sie nimmt einen neuen Stift, und beginnt zu schreiben, wenn man es
schreiben nennen kann, in dem Augenblick, als sie beginnt Linien
einzugravieren in diese Männerhandschrift, erst Wellenlinien, dann
Zick-Zack, dann Knäuel bleierner Schlingen, um zuletzt jeden
Buchstaben mit flacher Spitze auszumerzen, jedes Wort zuzudecken,
abzudecken, hinunterzudrücken, bis nur noch ruhige, eintönig graue
Flächen Papierfrieden vor ihr liegen, über den sie ihre eigene Handschrift
zieht, mit schwarzem Tintenstift nun, zittrig noch, eigene Worte,
Wörter nur, ohne nachzudenken, schöne Worte, über die Zettel hinaus,
Lieblingsworte, dann Widerworte und ganze Sätze, bis sie in eine
Geschichte hineinstolpert, ihre eigene, ihrer beider.
Sie schreibt über die Tischfläche, über sich selbst hinaus. Die Tischbeine
hinunter, über die freien Bodenflächen zum Fenster hin.
Sie wird ruhiger und ruhiger.

Als er zurückkam am frühen Nachmittag finsterte ihn die Wohnung an.
Kaum Licht drang ein, nur die winzigen Räume zwischen eng gesetzten,
schwarzen Buchstaben auf den Fensterscheiben, ließen ein Gegenlicht
ein, zu den Worten, Sätzen und Zeilen. Sie bildeten einen gleissenden Hinter-
grund für geschriebene Spuren, die ihn anleuchteten, eine Lebensgeschichte,
die längst aufgehört hat ihn zu interessieren.
Er packte die Sprühflasche mit roter Aufschrift, den langstieligen Reiniger
und verschaffte sich Licht.



©isa bellini


Autor: Isa Bellini (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Einfühlung in Personen führt zur Entwicklung von Charakteren.
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