EBEN ... DA ... AN KEINER BIEGUNG
Bald käme das Sagen in den Weg hineingerudert, direkt vom Fluss, wo wir Libellen fangen wollten, wenn welche da wären.
Also mussten wir uns in den Zustand versetzen, als würde es sie geben: drei oder vier davon. Libellen, die eilgrün dahinflogen, innehielten, fast zwischen allen Atomen standen, dann weiterflitschten.
Otti war erstaunt, dass die Wendungen des Wassers und der Stillstand der Tiere im Schlag der Flügel sich an die Rind-Wände der Bäume zu schmiegen wussten.
Erscheinungen, Wahrnehmungen.
Wir spielten eine emsige Natur und wussten, dass 200 Meter weiter schon die nächste Straße drohte.
Sich bewegen.
Hermine klagte, man könne Lastwagen hören, während die Ruder lauthals eintauchten, in das Wassergedärm, weil sich nichts tun wollte.
Aber wir glitten dennoch, Meter um Meter, wiewohl Schweißtropfen flogen, bis die Libellen sich abwandten, um andere Geschäfte des Tages an weiteren Stellen auszuüben.
Otti musste mit Ullrich laut husten.
Ein Motorrad erbrachte ein Hinzu-, ein Vorbei- und danach Wegächzen neuer Töne, die wir hier nie so erwartet hatten. Krachkatapulte schossen in die wenigen, eher nicht existenten Schilfhalme.
Ein Kanal ist kein Fluss. Aber was war das Wirkliche?
Gina ruderte nicht mehr, denn sie guckte in den Schaum der Luft, der sich nach dem Legen eines Ruderholzes ergab, von der Sonne zerstochen, sich weiter verteilend, bis dass es ein Nichts wäre.
Otti wusste nicht, wieso Gina immer zum Anhalten drängte, wo sie doch mit den Ruderschlägen eigentlich schon nichts mehr zu tun hatte. Ulrich aber bewunderte Gina für diese Art von Gelassenheit.
Hermine kündigte an, dass es Eisdielen gäbe, würde man diese entstehen lassen. Aber hier in der Drehung feuchter Erkundung wollte sich nichts von weiterer Zivilisation einstellen, außer von diesen Geräuschen, die weder zu Libellen noch erdachten Hunden passen könnten.
Diese Menschen im Bug.
Man begeisterte sich für einen König, der das Boot befehligen könnte, wie eine Mannschaft von Sklaven, ganz ihm ausgeliefert.
Gina würde das jenem Ulrich zudenken wollen, der sich eher still hier verhielt, und das nicht nur heute, weil er auch ansonsten seine Münder immer nur über den Wesenskern der Dinge würde streichen lassen, die Lippen fast zu einem Krummnagel verbogen, bis alle sich dann mokierten.
Was erzählte der denn?
Das Boot war zu breit, und es fuhr sich nicht gut. Kein Muskelfleisch wollte ehrlich etwas an Geschwindigkeit herbeifirmentieren.
Ach, das Firmament.
Ulrich guckte und dachte.
Hermine kündigte keine weiteren Eisdielen mehr an, weil niemand ihr noch würde glauben wollen.
Wieder Geräusche vom Lande. Ein Traktor, ein Bagger, eine Baumaschine. In diese Richtung würde es wohl gehen.
Das war ein Kanal, und keine Biegung würde sie dort je erheitern, kein Dämpfklotz von Taten an ihnen zerschellen.
Rhein-Herne-Kanal.
Otti hatte geladen, hatte auch eingeladen, aber die Tasche mit den Vorräten war schon nahezu leer, weil sie nicht anders wussten, die Zeit zu vertreiben.
Essen, trinken, eventuell noch rudern.
Doch die Zeit blieb.
Also musste Ulrich das Lied von der sich erhebenden Krabbe singen, als sei hier im Lande Nordrhein-Westfalen Salz und das Meer, und nicht Ränder von Rest-Emscher und anderem Wasserstuhl.
Wenn Hermine doch einmal nur dürfte.
Da verziehen die anderen und schlugen die Lider der Äuglein nach oben, dass das Licht des Tages dick und fleischvoll würde eindringen können, die letzte Depression noch zu heilen, an der sie sich ausersehen hatten, was an Auserkorenem nicht blieb.
Einen Kilometer würden sie noch schaffen, ohne sich gänzlich im Jammern auszutoben, erschöpft, nichts mehr zu verkosten, der Tag unausgefüllt.
Otti schlug sich recht gut.
Das Boot aber wollte nicht mehr so recht. Es trieb. Es trieb ab. Es trieb nun sogar rückwärts.
Meter um Meter. Der Wind schob.
Nichts ging. Nichts ging voran.
Das Projekt sollte also scheitern.
Sie würden nicht mehr da ankommen, wo sie hingehörten. Oder am Ende doch da anlegen müssen, wo sie zu sein und dann aber auch zu verbleiben hätten. In diesem ärmlichen Leben mit solchen seltsamen Bootsausflügen.
Hermine weinte, die anderen Frauen schwiegen. Ulrich wirkte mager und kraftlos.


Autor: Klaus Klausens (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Hier geht es um die Außen- und Innenansicht des Tuns. Ein freizeitliches Rudern ist die äußere wahrnehmbare Aktion, aber es spielen sich in dem Boot unter den Anwesenden viele Dinge ab, die zwischen den Zeilen durch das Lesen des Textes erfahrbar werden. Bild, Abbild, erfühltes Sein in den Menschen. Bezeihungen der Menschen untereinander und zur Natur.
Quelle: eigene Kurzprosa