Die Pilger
Die Jungfrau von Guadalupe, sagte mein Großvater, ist die Schutzheilige von Mexiko, sie wird im ganzen Land verehrt, von Männern und Frauen, von Armen und Reichen. In jedem Haus findet man ein Bild von ihr oder einen kleinen Altar, vor dem Kerzen brennen und frische Blumen in Vasen stehen. Zu ihr beten die Leute, wenn sie Beistand brauchen. Die Jungfrau von Guadalupe kann jedes Problem lösen und sie ist großzügig und gutmütig, wie es nur eine Mutter sein kann.
In San Luis Potosí steht eine große Basilika der heiligen Jungfrau, zu ihr pilgern die Mexikaner am zwölften Dezember, sagte mein Großvater und schaute mir ins Gesicht, um zu sehen, ob ich zuhörte. Die Pilger von San Luis Potosí gehören zu den hingebungsvollsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Sie sind keine halbherzigen Pilger, die sich bekreuzigen, ein schnelles Gebet sprechen und viele Fotos machen, bevor sie mit der Familie ausgiebig essen gehen. Worum sie die Jungfrau von Guadalupe bitten sind keine Kleinigkeiten, sie wollen nicht das Glück in der Liebe finden oder eine Gehaltserhöhung erhalten. Ihre Bitten sind groß und bedeutend, deshalb muss auch das Opfer groß und bedeutend sein. Es darf nicht leicht fallen, sondern muss schwer wiegen. Um die Heilung einer tödlichen Krankheit bitten sie oder um ein Nachsehen des Schicksals und der Justiz, damit der Sohn aus dem Gefängnis freikommt. Manche bitten um ein Lebenszeichen von ihrer Tochter oder ihrem Sohn, die entführt wurden und seit Jahren nicht aufzufinden sind. Traurig und verzweifelt wären die Gesichter der Pilger, wenn sie nicht die Hoffnung hätten, von der heiligen Jungfrau von Guadalupe erhört zu werden.
Im Stadtzentrum, auf der Plaza de Armas, knien die Pilger vor der Kathedrale nieder und beginnen zur heiligen Jungfrau von Guadalupe zu beten. Es ist ein einfaches, sich wiederholendes Gebet. Ihr Blick ist dabei auf die Fassade der Kathedrale gerichtet und den Himmel, in dem die Gottesmutter thront. Die Schaulustigen bemerken sie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, sie sehen nicht die Fotoapparate, die auf sie gerichtet sind, und hören nicht das erstaunte Gerede der Leute. Hinter ihnen stehen ein paar Familienangehörige. In Taschen und Rucksäcken transportieren sie Wasserflaschen, Decken, Verbandszeug, Pflaster und Salben. Ohne sie wäre die Pilgerfahrt nicht möglich.
Sobald ein Pilger beim Gebet vor der Kathedrale genügend Kraft gesammelt hat, sich in einen Zustand der Trance gebetet und die einfachen Dinge des Lebens vergessen hat, macht er sich auf den Weg. Er dreht sich in Richtung Süden, lässt sich auf seine Hände fallen und zieht das erste Knie über den groben Pflasterstein nach vorne, dann folgt das zweite Knie. Dabei betet er ohne Unterlass zur heiligen Jungfrau. Ein Knie wird nach vorne gezogen, dann das andere. Der Blick ist auf den Boden gerichtet. Gut zwei Kilometer ist die Basilika entfernt, ihre Türme überragen alle anderen Gebäude der Stadt, so dass man sie schon von weitem sehen kann, aber die Pilger richten ihre Augen nicht auf die fernen Turmspitzen, sondern vertiefen sich in ihre Gebete und das gleichmäßige Vorwärtsrutschen der Knie.
Die meisten Pilger erreichen die Basilika erst in den Abendstunden, da sie nur langsam vorankommen und des Öfteren zusammenbrechen. Sie weinen aufgrund der blutenden, zerschundenen Knie, aber auch wegen dem Sohn, der Tochter, dem Ehemann oder der Tante, für die sie bei der heiligen Jungfrau um Gnade bitten. Manchmal fallen sie zur Seite und müssen sich von ihren Begleitern aufhelfen lassen, manchmal lassen sie den Kopf zwischen die Hände auf den Pflasterstein sinken, weinen und sammeln Kräfte.
Am Ende empfangen sie den Segen in der Basilika der heiligen Jungfrau von Guadalupe, sprechen ihr Gebet ein letztes Mal vor dem Hauptaltar, zünden eine Kerze an, stellen ein Bild ab und lassen sich aufhelfen. Auf junge Schultern gestützt verlassen sie die schöne Basilika.
Gehen ihre Wünsche in Erfüllung, Großvater?
Manchmal gehen sie in Erfüllung.


Autor: Friedrich Bastian (35 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Bemerkenswerte und Ungewöhnliche zu zeigen.
Quelle: