Das Ganze
„Liebe ist der Entschluss, das Ganze eines Menschen zu bejahen“, sagte er in die Stille hinein, nachdem der Kellner ihnen das Essen serviert hatte und er das erste Stück seines Rostbratens abschnitt.

Erschrocken ließ Franziska auf halbem Weg zu ihrem Mund die Gabel los und die sorgfältig aufgeladene Pasta mit Käsesahnesauce fiel zurück auf ihren Teller.

„Verdammt“, murmelte sie, als sie die Fettspritzer auf ihrer beigefarbenen Seidenbluse entdeckte, „die werden nicht mehr rausgehen.“ Vorsichtig versuchte sie mit ihrer Serviette die Spritzer wegzuwischen. Sie unterdrückte den Impuls, zur Toilette zu laufen, um den Schaden zu begutachten, als Max sich räusperte.

„Franziska, hörst du mir zu?“

Sie sah zu ihm hinüber, legte ihre Serviette zurück auf den Schoß und setzte sich aufrecht hin.

Sie hatte geahnt, dass Max heute etwas ganz Besonderes vorhatte, als er ihr am Nachmittag eine SMS schrieb und sie in IHR Lokal einlud, in dem sie ihr erstes Rendezvous hatten. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass er sie nach mehr als fünf Jahren wilder Ehe endlich fragen würde. Aber wieso erschrak sie nun? Wieso sorgte sie sich um ihre Bluse, obwohl es um einen der entscheidendsten Momente in ihrem Leben ging?

Franziska merkte, wie starr sie auf ihrem Stuhl saß. Sie versuchte tief durchzuatmen, griff nach ihrem Glas Wein und sog den Duft nach dunklen Beeren ein, bevor sie einen kleinen Schluck nahm. Sie spürte, wie sich der Wein in ihrem Körper bis zu den Fingerspitzen ausbreitete und sie sich entspannte.

„Ja“, sagte sie. „Bejahen. Das Ganze.“

Max blickte auf seinen Teller und schob die Kartoffeln mit seinem Messer hin und her, als würde ihm sein Essen nicht schmecken.

„Mein Gott“, dachte sie, „er ist nervös! Er traut sich nicht, mich richtig zu fragen!“ Nie im Leben hätte sie sich vorstellen können, dass ihr Max einmal unsicher sein könnte. Er, der souveräne Max, der sich damit brüstete, welch große Verantwortung er als Führungskraft hatte. Er, der sich über sie lustig machte, wenn sie alle Optionen durchspielen wollte, bevor sie eine Entscheidung treffen konnte. Er, der sie kritisierte, plan- und ziellos durchs Leben zu gehen.

Franziska wartete, dass er weitersprach, aber er blieb stumm und blickte wie in Gedanken versunken noch immer auf seinen Teller. Nach einer Weile bemerkte sie den Glanz auf seiner Stirn, in dem sich das Licht der schlanken Kerze, die mitten auf dem Tisch stand, zu spiegeln schien. Für einen Moment schloss sie die Augen.

Es war der gleiche Glanz, der gleiche Schweiß, der regelmäßig sein Gesicht überzog, wenn er sich über ihren Körper schob, sich mit seinen Händen abstützte und keuchend auf ihr bewegte. Der gleiche Schweiß, der dann von seiner Stirn auf ihr Gesicht herunter tropfte, in dem Augenblick, in dem seine Bewegungen in ein stilles Zucken übergingen. Nicht immer gelang es ihr, das Taschentuch, das sie neben sich auf dem Bett deponierte, zu greifen, um ihm rechtzeitig die Stirn abzuwischen.

Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln öffnete Franziska wieder ihre Augen und beobachtete Max. Sie sah sein Hemd, wie es seinen muskulösen Oberkörper umspannte und unter den Armen dunkle Flecken aufwies. Seinen Geruch konnte sie vom Zwiebelduft seines Rostbratens kaum mehr unterscheiden. Sie musste schluckten, wollte lächeln, aber es gelang ihr nicht. Wieder griff sie zum Wein, versenkte ihre Nase tief im Glas, wollte riechen, schmecken, seinen Schweißgeruch verbannen. Sie trank gierig. Schnell. Dann fühlte sie eine Hitze aus ihrer Mitte aufsteigen, die ihren Brustkorb zu sprengen schien, fühlte, wie das Blut durch ihren Kopf jagte, bis er dröhnte und sämtliche Gedanken verschluckte.

Alles um sie herum wurde undeutlich, nur Max sah sie klar vor sich, sah die vielen Teile seines Ganzen.

Mit der rechten Hand ergriff sie ihre Serviette, legte sie neben ihren Teller und stand auf.


Autor: Dorothea Burger (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Inspiration für diese Geschichte zum Literaturwettbewerb lieferte eine Postkarte mit dem Aufdruck "Liebe ist der Entschluss, das Ganze eines Menschen zu bejahen."

"Zwischen den Zeilen" bedeutet für mich in dieser Geschichte, den unaussprechlichen Gefühlen, dem Unsagbaren auf die Spur zu kommen.
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