Antigone & Illusionen
1. Text
Antigone
Es war einmal ein Mädchen namens Antigone: die war sich nicht klar in was für eine Familie sie hinein geboren worden war, geschweige denn in was für eine Gesellschaft. Niemand hatte ihr das je gesagt, dass ihr Vater auch ihr Bruder war, denn es schien für alle selbstverständlich zu sein in dies-en Verhältnissen zu leben. - Antigones Mutter wurde also sauer, als Antigone keinen Ödipuskom-plex hatte: so hieß ihr Vater doch schließlich. Das wusste sie aber nicht, als sie geboren wurde. Niemand hatte es ihr gesagt.
Sie hielt es deshalb für ein Zeichen der Zuneigung Dummerchen genannt zu werden und ließ sich deshalb gern für dumm verkaufen. Denn, wenn man sie für dumm verkaufte, fühlte sie sich geliebt. Erst als sie sich nicht geliebt fühlte, fühlte sie sich nicht dumm.
Da aber nun der Inhalt des Produkts seiner Verpackung nicht mehr entsprach, ließ sich Antigone auch nicht wiedererkennen und wurde in Folge von ihrer Familie ausgestoßen. Sie versuchten sie zurückzugeben, doch am Kundencenter wollte niemand das Produkt in Empfang nehmen. Antigone in Folge war ein ungewolltes Produkt dieser Gesellschaft.
Aber da der Inhalt des Produkts nicht länger enthielt, was die Verpackung versprach, erkannte sie auch niemand mehr. Es wurde der Familie zur Last Antigone bei sich zu haben, denn von Antigone war keine Spur mehr, wenn man von Antigone sprach. Wer diese Fremde war, die nun da auf dem Sofa rumhockte, konnte sich in Folge keiner denken. Dieser Parasit. Dieser Schmarotzer. Es verstand auch niemand wie es dazu kommen konnte, dass da ausländisch eine Fremde saß.
Plötzlich war Antigone einfach nicht mehr aufzufinden. Obwohl alle Türen abgeschlossen worden waren und alle Fenster vergittert, hatte sie sich in Luft aufgelöst, war wie vom Erdboden ver-schluckt. Keiner konnte sich denken durch welche Tür sie verschwunden war. Es fiel niemanden auf, dass ihnen ein Schlüssel zu dem Rätsel fehlte. Denn niemand erahnte, dass sie durch eine Tür geflüchtet war, die sich im Innern befand. Egal wie verschlossen die Welt um sie herum erschien: diese Tür stand ihr immer offen.

Dummerchen. Was glaubst du nur, was du da tust?, erinnerte sich Antigone und schaute sich die Welt mit eigenen Augen an, fing an ihren eigenen Weg zu gehen. Unauffällig, unbehelligt, von niemanden sonst bemerkt. Das Bild, das andere von ihr hatten, entsprach nicht dem Menschen, der sie war. Wer nach dem Menschen auf diesem Foto suchte, konnte also unmöglich herausfinden wo sie ist.
Familienfoto: Es fiel nicht weiter auf, dass sie im Bild fehlte. Es fiel nicht weiter auf, dass diese Menschen dort sich Illusionen machten. Was verkauft wurde und was Realität war – der Unterschied zwischen den Zeilen – fiel nicht weiter auf. Sie lächelten alle und gaukelten, gebrochen, eine heile Welt vor. Wie sie aus dem Bild getreten war, konnte indes niemand mehr verstehen. Denn alle Türen hatte man verriegelt bis auf eine: Niemand hatte in ihr Herz gesehen.

2. Text
Illusionen
Wir sprachen:
Ich redete. Du schwiegst.
Das Gespräch kein Gespräch.
Eine Lüge, weil du dachtest.
Als würde ich dich nicht hören,
Als würde ich dich nicht spüren
Wollen, deine Meinung.
Nicht der Zwiespalt trennte uns.
Es war die Einigkeit.
Wir sind nicht die Schmetterlinge,
die gemeinsam bunt eine Lüge leben.
Wir sind die Motten, die
An ihrem inneren Licht verbrennen.


Autor: Daniel Schulz (33 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Mit Antigone wollte ich eine Person beschreiben, die sich selbst zur Außenseiterin macht. Prämisse hierfür, dass sie es nicht als Rebellin zur Selbstverwirklichung macht, noch weil sie ein Opfer ist oder bleibt. Es ging mir um eine Person, die aus beiden Stereotypen ausbricht, weil sie Herz und Kopf und zwangsläufig ihren eigenen Weg macht. Die Frage, die sich mir stellte, war dabei wie man aus einer Situation ausbrechen kann, wenn man durch diesselbige Situation auch definiert wird.

In Illusionen ging es mir, um eine Dissonanz, die sich in der Einigkeit zweier Figuren widerfindet. Was schon gedacht wird, wird nicht ausgesprochen, sondern manifestiert sich zwischen Ich und Du und darin, dass sich nicht halten lässt, was man zu halten wünscht. Obwohl es nicht weitergeht, will man die Beziehung bewahren. Man heuchelt Einigkeit, dabei sind beide Figuren sich im klaren, dass es nur getrennt noch weiter gehen kann. Das einzige, worüber man sich noch einig ist, manifestiert sich als der Keil von Ich und Du.

Beide Texte handeln von Ausgängen, die zwischen die Zeilen treten, zwischen Ich und Du, These und Antithese. Dieses Zwischen ist dabei sein eigener Raum.
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