LAUFFEUER FÜR CYNTHIA #15
Ich war nicht bei mir,
als du da warst oder
ich war in der Knospe
oder zwischen die Zeilen
gefallen oder aus der Zeit.
Als du bei mir warst,
warst du nicht da oder
du warst eine andere
oder in deinem Kind
gefangen oder du warst
dieses Kind, das ich bin,
wenn ich in die Knospe
gehe, zwischen den Zeilen
aus Zeit und falle oder
aussteige, weil ich Angst
habe, daß wir verschmelzen
zu diesem Saft, der die
Knospe speist von innen,
wenn wir nicht bei uns sind.
Du nicht bei dir und ich
nicht bei mir und wir
nicht bei unseren Kindern,
die eingeklemmt sind
in einer abgelaufenen Zeit,
die zwischen die Zeilen
gefallen ist und aus
sich selbst heraus und bettelt
und die Knospe verschließt,
die wir sind im Warten,
kurz vor dem Aufbruch,
aber wir brechen nicht auf.


Autor: Vinzenz Fengler (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich mache mit meinem Schreiben Teile vorhandener Realität sichtbar bzw. setze sie in einen anderen Kontext. Gleichzeitig versuche ich, eine Spur zu meiner eigenen Existenz zu legen, indem ich in meinen Texten meine Handschrift hinterlasse. Die Hauptintention aber ist für mich eine Art Urkränkung: Die Gewissheit, dass ich keine wirklichen Spuren hinterlassen kann. Also ist meine Arbeit eine paradoxe Reaktion. Eine Reaktion aber, gegen die ich mich nicht wehren kann und nicht wehren will.
Quelle: Autor