licht sehen (agnes martin)
licht sehen (agnes martin)

im schneematsch versinken
das braune herz des baumes
und ich erinnere mich an die dächer von oben

tausend blätter aus gold
jeder zweite horizont brennt roh
ein gitter davor oder wo?
kleine wiederholungen derselben geste
auch das entzündliche und verzagte an uns

wie sich das helle in die nacht verliert
sehen, wie der schatten dem
sehen vorauseilt und die schatten
schatten auf das grau legen
während das licht noch irgendwo
da ist und
es fällt zwischen die welt
die strenge des gitters nichts hält
keine landschaft, keine geschichte
nur ausgedehnte suche nach morgen

die bilder heißen freundschaft oder grauer stein
sehen, so lange es braucht
in einen wald aus weißen bäumen zu gehen
und so lange es braucht
wieder herauszutreten, weil
da etwas ist: himmel oder farbe
und horizont ausgewaschen

mit händen aus roter erde
baut sie ihr haus aus wänden
rissig der lehm – fontiersfrauenhände
im lehnstuhl warten und
täglich spannt sie leinen

im scheinwerfer der kamera
kaut sie die worte sparsam vom laib
schnaltz gegen die leere und ist

sie und das licht
die leinwand und wir


Autor: Viola Michely (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich liebe die Malerei von Agnes Martin. Dieses Gedicht entstand anlässlich der letzten großen Ausstellung in London. Vorher war ich mit meinem Sohn auf dem London Eye. Die Distanz zum Erdboden war eine gute Einstimmung auf die Bilder von Agnes Martin. Die letzten beiden Verse entstanden dann als ich dieselbe Ausstellung nochmals in Düsseldorf sah. Als Kunsthistorikerin habe ich viel über zeitgenössische Kunst geschrieben. Ob wissenschaftlich oder literarisch, es ist immer nur ein Versuch, in Sprache zu übersetzen, was mich berührt, sei es ein Mensch, eine Landschaft oder Malerei.
Quelle: