Badezimmerspiegelschrank
In meinem Badezimmerspiegelschrank hockt eine Katze. Keine Ahnung, was die da will... Vielleicht habe ich eines nachts das Badezimmerfenster offen gelassen?
Sie hockt ganz friedlich da und guckt mir beim Rasieren zu. Sie sitzt da so den ganzen Tag. Und nachts – wenn niemand schaut... wer weiß, was sie so treibt?

Meine Frau sagt, ich soll die Katze einfach ignorieren. „Sie wird schon wissen, was sie tut“, sagt sie. Aber ich weiß nicht recht...
Eine Katze gehört auf einen Apfelbaum oder Omas Tagesdecke - und nicht in meinen Badezimmerspiegelschrank.

Meinen Arbeitskollegen erzähle ich nichts von der Katze. Die halten mich ohnehin schon für skurril.
Manchmal, wenn sie so dasitzt und mir beim Zähneputzen zuschaut, denke ich über mein Leben nach. - Das habe ich sonst beim Zähneputzen eher nie getan.

Neulich erzählte ich meinem Bruder von der Sache (versuchte, es irgendwie beiläufig klingen zu lassen). Doch anstatt mich auszulachen oder für komplett verrückt zu erklären, sagte er bloß: „Die Katze ist vielleicht nur eine Metapher. Keine Ahnung – für deine verlorene Kindheit oder so...“
„Aber die Katze existiert!“ sagte ich. „Meine Frau sieht sie, meine Kinder sehen sie.“ - „Naja, trotzdem“, sagte er nur...

Morgens führe ich manchmal in Gedanken sinnlose Zwiegespräche mit der Katze. („... Sollte man mal ordentlich die Meinung geigen. Klar hat er Stress im Job, aber das ist noch lange kein Grund.“)
Sie beobachtet mich aus ihrem Badezimmerspiegelschrank - und hört sich alles an... und schweigt.

„Vater, ich brauche seelischen Trost“, sage ich zum Dorfpfarrer. „Sprich, mein Sohn.“ - „In meinem Badezimmerspiegelschrank hockt eine Katze.“ Er überlegt und sagt: „... Die Katze ist ein Zeichen, Sohn: Du musst dein Leben ändern.“

Meine Frau und ich reden kaum noch miteinander. Es gibt schon seit Jahren Probleme, aber in letzter Zeit sagt sie immer öfter, ich hätte mich verändert --“
Vielleicht ist es wegen der Katze? „Jetzt lass doch mal die blöde Katze“, zischt sie. „Schmeiß es halt raus, das olle Vieh!“
Sie sagt das so leicht. Es hat doch keinem was getan, das olle Vieh...

Meine Tochter hat natürlich für alles eine Erklärung: „Die böse Katzenkönigin hat sie aus dem Katzenreich verbannt, weil sie das heimliche Kind einer Nebenkatze des Königs ist und mit einem Fluch belegt: Fortan muss sie im Badezimmer schmachten, bis ein holder Kater kommt und sie freit.“ Mein Sohn („Papa, wenn Laura eine Katze kriegt, will ich ein Moped!“) hat sich auch schon mit der Lage arrangiert.

Vielleicht hat meine Tochter ja gar nicht so unrecht - naja, ich meine nicht mit der Katzenkönigin und so. Vielleicht wurde die Katze irgendwie aus der -- „Katzenwelt“ verstoßen. Vielleicht ist ihr die Welt da draußen einfach... zu groß – und ihr genügt ein kleiner Badezimmerspiegelschrank.
„Werde ich langsam verrückt, weil ich darüber nachdenke?“ frage ich meinen besten Kumpel. „Uwe, sag's mir!“
„Also, ich finde, du machst dir zuviele Sorgen...“ sagt er und macht mir noch ein Bier auf. „Ich meine, sowas passiert halt manchmal im Leben: Der eine verlegt auf einmal jeden Morgen seinen Autoschlüssel... dem anderen wachsen plötzlich Haare aus der Nase. Und du – naja - hast eben eine Katze im Badezimmerspiegelschrank. Was soll's? Komm, wir trinken noch einen!“

Eines Nachts habe ich einen furchtbaren Traum: Ich blicke in den Spiegel und sehe einen alten Mann. Dreißig Jahre sind vergangen - und da hockt sie immer noch! Jung und quicklebendig wie am ersten Tag hockt sie da und glotzt mich an, völlig sinnlos.
Ich werde sterben - mit einer Katze im Badezimmerspiegelschrank.


Autor: Benedikt Franke (30 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich schreibe in der Hoffnung: Ein guter Betrüger glaubt sich irgendwann selbst.
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