Schillernde Träume


Diese kleinen Füße, meine Augen können ihnen nur mühsam folgen. Flink wie ein Wiesel hüpfen sie auf und ab und kreuz und quer durch das schon grünmüde Gras. Verstecken sich hinter den runzligen Rinden der alten Eichen und Ahornbäume. Manchmal blinkt nur das Rot ihrer Lackschuhe zwischen den Stämmen hervor. Es fächert ein blaubuntes Farbspiel, wenn sie die Blüten der Glockenblumen und Hornveilchen streifen. Ihrer neuen Schuhe. Heiß ersehnt. Auch in der Nacht will sie sich nicht von ihnen trennen.
Und mein Wirbelwind springt weiter. Maja.
Die kostbare Gabe unserer späten Tage. Wir hatten uns schon eingerichtet nach mehr als zehn Jahren Versuch und Hoffnung. Unfruchtbare Hoffnung, die schlaff und erschöpft bis in die Tiefen ihrer Wurzeln verdorrte. Wir umfassten unsere Hände, spendeten uns Trost. „Eine Zweierfamilie. Das schenkt uns Freiheit“, redeten wir uns ein.
Doch dann, plötzlich… die Bilder dieser Nacht plustern sich auf, wie ein Film, den man wieder und wieder auf Anfang spult. Schon fast eingemeißelt in meinem Hirn. …Die Szenen aus diesem seltsamen Traum. Ich spürte ein Kitzeln in meinem Innern, hörte ein flatterndes Fiepsen, ganz leise, wie der Schrei eines Schmetterlings. Und ich sah ein Licht, das aus meinem Bauch strahlte. Es tuschte die nachtdunkle Raufaser in meinem Zimmer in ein leuchtendes Maigrün. Am nächsten Morgen überfiel mich ein beinahe schmerzhaftes Verlangen, das nur durch den Biss in einen saftigen Pfirsich gestillt werden konnte.
Monate später. Zierliche Glieder schmiegten sich an meinen gewölbten Bauch, gehalten von gehöhlten Händen. Meine Fingerkuppen wanderten, stockten, glaubten siamesische Verwachsungen zu ertasten. Als ich sie hoch hob, prüfte ich vorsichtig jeden Zentimeter ihrer nach Milch und Puder duftenden Haut.
Viel zu früh streckte sich Maja, stemmte sich ab von meinem Bauch, durchbohrte mit forschenden Fingern die rosa schillernde Blase, in der ich mir wünschte, auf ewig vereint mit ihr zu schweben. Sie krabbelte, stolperte, hüpfte. Öffnete ihre Arme immer weiter, immer runder und fing den Zauber der Welt mit perlenden Glucksklängen ein.
„Nicht so hoch, nicht so schnell“, die Worte strömten durch meine Lippen, „Sei vorsichtig!“ „Du musst sie loslassen“, sagte ihr Vater, „Darfst ihre Flügel nicht beschneiden. Sonst verkümmert dein Kind.“ Und gehorsam verhüllte ich meine Augen, mimte Sorglosigkeit, wenn sie die Bodenhaftung verlor und über Mauern und Äste hüpfte. Vergrub meine Sehnsucht und wartete endlose Stunden, bis sie lachend zurück in meine Arme flog. Ihre Augen sprühten dann Funken, wie ein knisterndes Feuerwerk.
Bis zu diesem Abend. Ich sehe noch den Ball. Kaleidoskopartig rollt er über die Straße. Majas Füße flitzen. Höre noch den Schrei. Spitze Laute schwingen durch die Luft, zerbersten wie zerstäubte Schmetterlingsflügel. Fühle ihn wie einen Schmerz in meinem Ohr. Ein wundes Brandzeichen, das nässt und schwärt.

Ein scharfer Windstoß erschüttert meine Glieder. Der Goldbecherblütenteppich unter Majas Ahornbaum wirbelt auf wie ein wilder Feenreigen. Ich umklammere den Stamm, ringe mit der Borke. Sie zeichnet scharfkantige Schrunden in mein Gesicht. Und mein Geist bäumt sich auf, dringt ein, kreist nun als Ring in seinem hölzernen Kern.

„Komm mit mir“, rufe ich ihr zu. „Niemand darf im Herbstwind frieren.“ Und Maja wippt auf ihrem Ast, ganz oben zwischen den Wipfeln. Ihre Schultern versinken in graudunstigem Wolkenflaum.
Und sie winkt mir zu bis das Rot ihrer Schuhe verblasst. Bis es zerplatzt wie rosa schillernder Blasenschaum.




Autor: Kornelia wulf (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Schreiben gehört zu mir wie das Lachn am Morgen.
Quelle: Die Autorin selbst