Seifenblasen
Ich schrieb wie am Spieß – jede Nacht. Die Tinte floss nur so aus meinem Füller in mein Tagebuch. Es war schwarz, mit Luke Skywalker vorne drauf, und mit einem Mini-Vorhängeschloss aus Plastik. Es hieß Luke und war mein allerbester Freund. Immer für mich da, nie nachtragend und absolut verschwiegen. Fußballspielen konnte ich nicht mit ihm, aber das war ok. Fußballprofi, das wollte ich werden. Ich stand total auf West Ham United. Das wusste aber nur Luke. Die anderen Kinder im Kiez trugen St.-Pauli-Klamotten mit fettem Totenkopf drauf. Alle fanden das total cool; ich nur gähnend langweilig. Ich sang auch nie bei deren Fanlied mit. «You'll never walk alone.» So ein Quatsch. Ich liebte die Fanhymne von West Ham United: «I'm forever blowing bubbles». Seifenblasen, damit konnte ich etwas anfangen. Außerdem klang es irgendwie schön – wie ein Kinderlied, und schließlich war ich noch ein Kind. Meine kleine Schwester hatte eine Spieluhr mit der Melodie. Die hatte ihr unser Vater aus London mitgebracht als wir noch eine Familie waren und alles irgendwie noch gut war. Er war oft dort, Geschäfte, und einmal nahm er mich zu einem Spiel in den Upton Park mit. «... pretty bubbles in the sky, they fly so high, nearly reach the sky ...», und ich sang mit – aus vollem Hals: «... then like my dreams they fade and die.»

Dann lernte mein Vater eine andere Frau kennen – und auch meine Mutter blieb nicht lange alleine. Klaus ging mit mir zum Bolzplatz und holte meine kleine Schwester von der Schule ab. Klaus war Diabetiker. Das ist eine schlimme Krankheit. Abends aßen wir deswegen immer pünktlich, und vorher ging er ins Bad, dort verwahrte er seine Insulin-Pens. Die senkten seinen Blutzucker, damit er keinen Schock bekam. Das ist lebensgefährlich. Aber Klaus war auch noch anders krank.
Wenn Mama Nachtschicht hatte und meine Schwester schlief, guckte er sich Filme an, und danach kam er zu mir. Am nächsten Tag schenkte er mir dann Seifenblasen. Nachts erzählte ich Luke davon; ich schrieb dann so laut und so viel ich konnte; bis ich ganz heiser war. Luke fand dann, dass die Seifenblasen doch ganz OK wären; so wie die in meinem Lieblingslied, und dann ließen wir sie vom Balkon aus fliegen. Mitten in der Nacht. Meine Mutter freute sich, dass wir alle uns so gut verstanden, und bald hatte ich ein ganzes Regalbrett voller Seifenblasen. Am liebsten mochte ich die in der blauen Dose mit Teddys drauf, die wurden nicht so groß und platzten nicht so schnell. Ich hatte auch diese Riesenseifenblasen, aber die konnte man nur unten im Hof fliegen lassen, und dort hätten die anderen Kinder sie mir vielleicht weggenommen oder irgendwas gefragt – aber meine Seifenblasensammlung gehörte mir allein und ging keinen etwas an. Wenn ich ihnen vom Balkon aus nachsah, wäre ich oft gern mitgeflogen – aber wer würde sich dann um meine kleine Schwester kümmern, und außerdem wollte ich doch Fußballprofi werden. Allerdings ging ich kaum noch zum Bolzplatz. Selbst mein Klassenlehrer rief zuhause an. Ich wäre unkonzentriert, er mache sich Sorgen um meine Versetzung. Mama meinte dann, Mädchen in der Pubertät wären halt manchmal ein bisschen seltsam.

Und dann kam dieser Tag. Mama hatte Nachtschicht. Und bevor Klaus joggen ging, um danach seinen Filmabend zu starten, fragte er meine Schwester, ob denn auch sie Seifenblasen möge. Und dann – eigentlich war es Lukes Idee: Ich nahm mir einen Insulin-Pen und wartete bis Klaus, wie immer unterzuckert, vom Joggen zurückkehrte. Alles Weitere war ganz einfach. Leider kam Mama dann doch früher nach Hause. Sie sah sofort, was los war, schließlich ist das ihr Job – und so kam er durch und ich in die Jugendpsychiatrie.
Luke und meine Seifenblasen durfte ich mitnehmen. Wenn ich sie aus meinem Fenster in die Luft schicke, höre ich noch den Chor aus dem Upton Park von damals, wie sie das Lied singen von Seifenblasen, die hoch in den Himmel fliegen und dort zerplatzen. Wie sie es von ihren Träumen gewohnt sind.





Autor: Sabine Hirschfeld (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: "Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel neu setzen." Das war mein Motto, als ich mich nach der Geburt meines zweiten Sohnes als Lektorin selbstständig machte. Bücher sind mein Anker, seit ich als Grundschülerin die Fahrbücherei für mich entdeckte. Seitdem schreibe ich auch, für mich, heimlich und unveröffentlicht. Es sortiert mich, trägt mich und fügt Teil um Teil in mir zusammen.
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