Ein frisches Grab
Ein frisches Grab
Ich zerpflüge mir den Kopf und raufe
mir die Haare. Ich wandere jeden
Synapsenpfad meines Gehirns
Entlang – und meine neuen gedanklichen
Wanderschuhe
Sind so schmerzhaft.

Ich taste blind mit der Zunge über
Zahnreihen, die glatt und weiß
sind wie Soldatengräber.
Gedankengräber.
Wortgräber.
Hier ruhen sie, die
Unausgesprochenen Worte.
Die, die im Mund blieben,
obwohl sie doch schon auf
der Zunge tanzten, bereit zum
Absprung, bereit, in die Welt
Hinaus zu segeln an kleinen
Weißen Fallschirmen.

Ich stehe neben den Gräbern und die
Schuhe schnüren mir das Blut ab. Ich
Spüre den Wind auf dem Gesicht und
Lege ein Steinchen auf jedes Grab
Entlang des Weges
Wie es die Juden in meiner
Familie tun.

Dann zerbreche ich mir
Die Stirn und fange den Sternenstaub
Der aus der Wunde tritt
Und im Frühlingstag wie Diamanten
glitzert, mit einem nassen Taschentuch.
Ich jage jeden fliegenden Gedanken.
Ich schlage ihm meine Nägel ins
rohe Fleisch, ich drehe ihn auf
links und stülpe ihm meine
Hoffnung über,
meine große
Hoffnung.

Mir fehlen die Worte,
um nicht zu sagen,
was ich fühle.
Du bist
ein nächster Zahn,
ein frisches Grab.



Einreicher: Literatur Apotheke ( Jahre)
Autor: Anne Zegelmann

Leseerfahrung: Schreiben ist mein Lebensinhalt; ich bin Journalistin und Autorin und war 2012 unter den Hauptpreisträgern dieses schönen Wettbewerbs.
Quelle: Hildesheimer Lyrik-Wettbewerb 2014