Zwischen den Zeilen
Im Briefkasten lag
heut Morgen um sieben
ein Brief von dir
Du hast mir geschrieben?

Deine Stimme, sie klopft
ganz leis bei mir an
Willst du ihn nicht öffnen?
Weiß nicht, ob ich kann!

Hab Bedenken und Sorge
Meinst du‘s mit mir gut
oder wirfst du mich um
nimmst mir Lebensmut?

Ich atme tief ein
und fass mir ein Herz
das Leben ist mehr
als nur Angst und Schmerz

Deinen Brief reiß ich auf
mach die Seele weit
bin gespannt, was du schreibst
schenk dir Aufmerksamkeit

Im Innern des Umschlags
steckt ein Blatt Papier
weiß und liniert
keine Worte von dir

„Hier stimmt doch was nicht“
flüster ich vor mich hin
„das macht doch alles
überhaupt keinen Sinn!“

Ich nehme das Blatt
und halt’s gegen‘s Licht
untersuch deine Zeilen
voll Zuversicht

„Da!“ schrei ich auf
„ist ein kleiner Fleck
zwischen den Zeilen
da unten am Eck!“

Ich hol eine Lupe
halt sie nah vor das Blatt
an dem, was ich sehe
seh ich mich nicht satt

Im Glas, in der Linse
schwebt ein kleines Herz
und meines hüpft aufgeregt
himmelwärts

Danke, denk ich
wohlig warm ist’s in mir
Für Ungesagtes
auf weißem Papier

Für den Mut, deine Liebe
mit mir zu teilen
ganz unscheinbar, leise
zwischen den Zeilen


Autor: Ellie Mey (42 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Gedicht soll zeigen, dass man auch ganz ohne Worte unglaublich viel sagen kann - und Mut machen, vielleicht doch mal selbst den Buntstift zu ergreifen und zu malen, wenn das Sprechen oder Schreiben schwer fällt, oder auch, einen ganz unerwarteten Brief zu öffnen. Mut tut gut!
Quelle: Ellie Mey