Der Tag
Der Tag
Lilly hüpfte an meiner Hand von einem Bein auf das andere. Sprang über kleine Steine und von einer Gehwegplatte zur nächsten. Das machte sie gerne, auch mit ihren elf Jahren noch.
„Was gibt es heute Mittag, Mama? Blumenkohl und Schokoplätzchen?“
„Blumenkohl ist eine gute Idee. Die Plätzchen nur wenn du deine Hausaufgaben ordentlich gemacht hast.“
„Mache ich immer, Mama.“ Lilly hüpfte erneut über eine Platte. „Schau mal Mama, die Frau da“, sie zeigte mit der freien Hand auf eine Frau, die einige Meter vor uns ging, dann stehen blieb, sich umdrehte und auf uns zu kam.
„Ich suche den Tag. Wissen Sie wo er ist?“
Sie wirkte noch sehr rüstig, sah gepflegt aus und war vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre älter als ich. Sie stand vor uns und schaute mich mit ihren blassblauen Augen fragend an.
„Nein.“ Ich schluckte und Lilly stand still neben mir.
„Aber er war gerade noch da. Bei mir. Ich spürte seinen Luftzug. Sanft strich er mir über die Wangen. Es war so schön. Und jetzt ist er weg. Wohin?“
Lilly kicherte und ich schaute sie mahnend an.
Irgendetwas hielt mich davon ab einfach weiter zu gehen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht wo er ist.“ Meine Stimme war leise, unsicher, so wie ich selber.
„Vielleicht hat er sich in ihrer Einkaufstasche versteckt? Lassen sie mich mal sehen.“ Und ehe ich etwas machen konnte, wollte sie die Riemen meiner Tasche greifen, die ich in der Hand hielt.
Ich hielt sie fest und hörte Lillys Worte. „Mensch Mama, die ist ja wie Tante Klara. Die will auch immer in Taschen schauen. Onkel Bernd sagt doch immer, die ist neben der Spur. Vielleicht ist die Frau auch neben der Spur.“ Lilly löste sich von meiner Hand und sprang alleine über die Platten.
Ich hatte mich wieder gefasst. „Nein! In meiner Tasche ist kein Tag.“
„Bestimmt nicht?“, ihre Stimme klang traurig. Gebrochen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber er muss irgendwo sein!“, fahrig strich sie sich mit der Hand durch die Haare.
Ich las das Schild an dem Eingangsbereich: Klinik für Demenzkranke.
„Lilly, komm mal her. Wir werden die Frau jetzt in die Klinik zurück bringen. Ich vermute sie hat sich verirrt.“
„Verlaufen? So wie Tante Klara, die anstatt auf dem Bürgersteig mitten auf der Straße spazieren ging?“
„Ja, vielleicht.“
„Onkel Bernd sagte, alle Autos hätten die Spur gewechselt.“
„Ist jetzt gut, Lilly.“ Ich nahm Lillys Hand und ergriff gleichzeitig die Hand der Frau. Zusammen gingen wir in den Hof zurück, wo schon eine Mitarbeiterin eilig angelaufen kam.
„Oh, danke dass sie Frau Müller zurück gebracht haben. Sie schafft es immer wieder den Klinikbereich zu verlassen. Vorige Woche erst hat sie sich in der Bäckerei eine Hochzeitstorte bestellt. Kommen sie, Frau Müller.“
„Die Dame sucht den Tag“, sagte ich.
„Ach, die sucht immer irgend etwas!“
„Vielleicht sollten sie ihr einmal die Schönheit des Tages zeigen. Lassen Sie sie doch an den Pflanzen schnuppern, an den Blüten riechen und an dem Gras fühlen. Lassen Sie das Sonnenlicht auf ihre Haut, damit sie die Wärme spüren kann und lassen Sie das Gezwitscher der Vögel an ihre Ohren dringen. Lassen Sie zu, dass der Wind sich in ihren Haaren verfängt und Regentropfen sich auf ihrem Gesicht niederlassen.“ Ich sprach ohne Luft zu holen. Ohne Pause. Die Worte kamen aus meinem Inneren. Waren Spiegelbild meiner Seele. Meiner momentanen Gefühle und Gedanken. Waren spontan. So spontan wie ein Tag der kommt und geht.
Ich dachte an Klara, meiner Schwägerin. Ich dachte an den Tag, der gesucht wurde.
Was war er schon? Ein vorbeihuschendes Etwas, nicht fassbar, nicht greifbar, nicht fühlbar. Voller wechselnder Geschehnisse. Der Tag war da mit seiner Schönheit, seinen Sorgen, seiner Hektik, seinem Leben, seinen Schattenseiten und seinen kleinen Wundern. Und schon war er wieder weg. Auf einer andern Spur. Verschwand im Dasein, im Dunkel der Nacht, im Nichts.
Festgehalten nur auf dem Kalenderblatt.
Eine Zahl.
Morgen kommt ein neuer Tag. Und wo war der Vergangene?
Was bleibt waren die Spuren. Spuren der Freude, der Trauer. Spuren der Erinnerung.
„Mama!“
„Ja!“
„Ich habe Hunger!“
Das war der Tag! Ich lächelte Lilly an und nahm ihre Hand.




© Karin Büchel


Autor: Karin Büchel (57 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Begegnungen, Beobachtungen und sehr viel Phantasie.
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