Gemeinschaften
Auf die Frage des Gründers der Selbsthilfegruppe für Sektengeschädigte, woher er sie nahm, die

Ausdauer, mit der er jahrelang den Schikanen und Qualen standgehalten hatte, erwähnt er seine

Kindheit in einem sehr strengen Internat, dann die Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr sowie

seinen letzten Arbeitsplatz. " Da gab es keine großen Unterschiede, die Sonnenjünger waren bloß

noch konsequenter. Prägend schon der Erstkontakt. Sie packten mich beim Vornamen, und plötz-

lich kam das Urvertrauen zurück. Leider !" "Komm, laß los, laß doch endlich los ", fordert ein kleiner,

hysterisch wirkender Mann aus dem Gesprächskreis. Dabei schlägt er mit der linken Hand gefährlich

nahe am Kopf seines erschrockenen Sitznachbarn vorbei. Einige seiner Leidensgenossen nicken

zustimmend. Die kritischen Blicke des Gruppenleiters lassen sie ruhiger werden.


Nach einer kurzen Erholungspause beginnt die nächste Phase. Sie reichen sich die Hände, bilden

einen sichtbar geschlossenen Kreis. Mit samtweicher Stimme begibt er sich wieder auf Spuren-

suche nach weiteren Schikanen und Bösartigkeiten abgehobener Sektenführer und deren Helfer.

Und dabei fühlt er sich eigentlich recht wohl. Als er den ehemaligen Sonnenjünger genau fixiert, sich

ihn als genügsamen Internatsschüler, aber auch als durchtrainierten Zeitsoldaten nur schwer vor-

stellen kann, muß er ein kurzes Lächeln unterdrücken; denn die fast drei Zentner Lebendgewicht

stellen eine feste Größe dar und lassen sich nur schwer in andere Relationen bringen.


Autor: Franz Friedrich Kovacs (67 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Dem Ernst des Lebens ( der Tragik ) die " Spitze " nehmen- wie auch immer!
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