Fliegen lernen
Fliegen lernen
Es war einmal eine Spinne, die hatte seit Wochen keinen Faden mehr gesponnen. Ihr Netz war schon ganz brüchig, sodass sich kaum noch Insekten darin verfingen. Die Spinne hatte schon alles probiert, um wieder Fäden zu produzieren. Sie hatte warme Fußbäder genommen, hatte Abführtabletten geschluckt und in ihrer Verzweiflung sogar gebetet. Schließlich hatte sie sich entschlossen, einen Arzt aufzusuchen. Der Arzt war ein Specht, und eine fette Spinne hätte ihm schon gut geschmeckt. Aber er hatte die Genfer Konvention zum Schutz der Spinnenvielfalt unterschrieben, also musste er wohl oder übel Hilfe leisten.
„Privat oder Kasse?“ fragte er.
„Privat“, antwortete die Spinne.
Das war immerhin ein Lichtblick, dachte der Specht, der keine Ahnung von der Anatomie von Spinnen hatte.
„Dann ziehen Sie sich mal aus bis auf die Unterhose.“
Die Spinne folgte zögernd seinen Anweisungen.
Igitt, dachte der Specht, als er ihre haarigen Beine sah. Und so was habe ich früher gefressen. Widerwillig setzte er das Stethoskop an und hörte die Herztöne der Spinne ab. Alles schien normal.
„Treiben Sie Sport?“ fragte er.
Die Spinne schüttelte den Kopf. „Eigentlich hocke ich den ganzen Tag im Netz und warte.“
„Auf was warten Sie denn?“
Die Spinne überlegte lange, ehe sie antwortete. „Wissen Sie, früher lauerte ich ganz selbstverständlich Fliegen und Insekten auf. Aber seit ich nicht mehr spinnen kann, träume ich nur noch vor mich hin.
„Wovon leben Sie denn?“ wollte der Specht wissen.
„Ach wissen Sie, ich habe geerbt“, antwortete die Spinne.
Der Specht beschloss in jedem Fall ein CT durchzuführen. „Und was träumen Sie so?“ fragte er.
Die Spinne zuckte nervös, bevor sie leise antwortete: „Ich wäre gern ein Vogel. Dann könnte ich fliegen, wohin ich will.“
Ach du lieber Gott, dachte der Specht. Hast du eine Ahnung, mein Kindchen. Im Winter den ganzen Tag auf einen Baumstamm einklopfen, obwohl sich keine einzige Made blicken lässt. Das soll Freiheit sein? Dann kam ihm eine Idee.
„Ich hätte da was für Sie.“
Die Spinne sah ihn hoffnungsvoll an.
„Ich könnte Ihnen ein paar meiner Federn überlassen, dann können Sie fliegen.“
Die Augen der Spinne leuchteten auf.
„Ist aber nicht ganz billig“, fügte der Specht hinzu. „Genau gesagt macht es 1500 Euro.“
„Das ist ja teurer als Augenlasern“, empörte sich die Spinne.
„Pro Stück“, sagte der Specht.
„Also gut.“ Die Spinne gab klein bei. „Wenn ich dadurch fliegen lerne, soll mir nichts zu teuer sein.“
So ist es Recht, dachte der Specht, ging ins Nebenzimmer und rupfte sich ein paar Federn aus.
Die Spinne zahlte mit ihrer Kreditkarte und ging beglückt nach Hause. Dort band sie sich die Federn um und ließ sich aus dem Netz fallen. Aber sosehr sie auch flatterte, es gelang ihr nicht, sich in die Lüfte zu erheben und sie landete krachend auf dem Boden. Noch abgemagerter und poröser kam sie nach zwei Wochen wieder zum Specht.
„Dann machen wir jetzt ein CT und anschließend bestimme ich ihre Blutwerte.“
Die Spinne nickte ergeben.
„Tja“, sagte der Specht, als er einige Tage später die Untersuchungsergebnisse hatte. Sie haben einen ausgeprägten Serotoninmangel. Ich verschreibe Ihnen jetzt ein Antidepressivum, dann können Sie in ein paar Wochen wieder spinnen wie der Teufel. Und das mit dem Fliegen vergessen Sie am besten. Vielleicht klappt es ja im nächsten Leben.“
Die Spinne war zu niedergeschlagen um zu widersprechen und ging mit gesenktem Kopf heim.
Nach drei weiteren Wochen konnte sie immer noch nicht spinnen, von fliegen ganz zu schweigen. Mehr und mehr versank sie in Selbstmitleid. Wozu bin ich überhaupt noch nütze? fragte sie sich. Kann mir denn niemand helfen? Warum kann das nächste Leben nicht schon jetzt beginnen?
Da hatte die Natur ein Einsehen und schickte einen Raben vorbei. Der hatte die Genfer Konvention nicht unterschrieben und fraß die Spinne mit großem Appetit. Seitdem kann die Spinne fliegen.
Merke: Wer von Reinkarnation träumt, sollte an die Folgen denken.





Autor: Helmut Schmid (58 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben schafft Raum für innere Gedankenwelten und lässt die Zeit für einen Moment still stehen
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