Funkenkugel
„Okay. Ich geh’, wenn sie kommt“, sagt Oman und wischt sich Bierbläschen aus seinem Oberlippenflaum. Kurz sitzen wir einfach da; unsere feuchten Hintern jucken von den Chemikalien, die sie hier zu DDR-Zeiten reingekippt haben. Mondlicht fällt auf den See.
„Ich hab’ Merve 'ne Rakete mitgebracht“, sage ich.
„'nen Joint?“
„Nein, ’ne Silvesterrakete.“
„Deshalb guckt da ‘n Stängel aus deinem Rucksack …“
„Jo.“

„Warum hast du 'ne Rakete?“
„Weil Merve 'ne Habichtsfeder hat.“
„Wo?“
„In den Haaren.“
„Okay.“
„Die steht auf so abgefahrene Sachen.“
„Und 'ne Rakete ist abgefahren?“
„Jo.“

„Wie ist es sonst mit ihr?“, fragt Oman und schmeißt seine leere Bierflasche in den See.
„Du meinst Sex? - Der ist gut.“
„Ach so.“

Meine Flasche fliegt hinterher, dann kommt Merve. Sie begrüßt uns und fragt, ob ich gerade eine Flasche in den See geschmissen habe - hab’ ich natürlich nicht, wer würde so etwas tun? - dann will sie wissen, wie es Oman geht. Oman versucht, sich kurz zu fassen:
Das Übliche halt … Ein bisschen Stress: Ein bisschen Chemie, Klassenarbeit, dies-das, Onkel krank, und so weiter. Oman kommt zum Punkt. Er umarmt Merve, wobei sich seine Augen schließen, dann verabschiedet er sich von mir und verschwindet im Dunkeln.

„Na“, sage ich.
„Na.“
Merves Gesicht ist scheckig vom Mondlicht, ihre Augenbrauen sehen aus wie schwarze Algen. Etwas ist mit ihren Lippen. Sie sind sehr schmal.
Ich greife nach der Rakete in meinem Rucksack.
„Ähm … Theo“, sagt Merve.
„Jo?“
„Also, ich glaub’, das mit uns ist nichts ...“ –

Fünf Minuten später - ich bin allein. Mein Hintern juckt noch immer, ich halte die Rakete in der Hand. Es gibt nichts zu tun; also stecke ich sie in den feuchten Boden, entferne das Plastikhäubchen und setze die Lunte in Brand.
Der goldene Schweif zischt über den See. Als er in der Mitte ankommt, zerspringt die Kapsel im Inneren und gibt eine Funkenkugel frei. Ich stehe am Ufer und schaue ihr nach, lasse sie ein bisschen auf meiner Netzhaut flimmern. Dann packe ich meine Sachen und gehe.


Autor: Carlo Maximilian Engeländer (25 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Beim Schreiben versuche ich kleinen Gesten von Gleichgültigkeit, Enttäuschung, Freude und Traurigkeit nachzuspüren. Was passiert, wenn sich unsere Erwartungen nicht erfüllen? Was ist, wenn wir emotional verletzt werden, aber niemand da ist, der uns Trost spendet; wie spenden wir uns selbst Trost; tun wir das?

Stille, das ist etwas, das man scheinbar schwer mit Worten erreicht. Für mich stellt sie sich beim Schreiben ein, wenn man nicht versucht spannend oder emotional zu erzählen, sondern beschreibt, was da in einem selbst und den Figuren vor sich geht. Oft ist das bereits eindrücklich genug.
Quelle: Nicht veröffentlicht, ein überarbeiteter Text