krähe
krähe


du schwebst so frei
wiegst dich in unerreichbarer sorglosigkeit
kilometerweit über meinem zerstörerischen kopf,
kilometerweit entfernt von:
warum?
warum sie?
warum denn nicht ich?
verdammt, warum denn nicht ich?
sie hatte ihr zimmer aufgeräumt,
jeden tag,
sie war ordentlich,
sie hatte das leben begriffen,
warum musste sie…

du, du fliegst nur so hin und her,
als wäre das leben einfach.
schämst du dich nicht?
spürst du nicht meinen stechenden schmerz?
siehst du nicht meine trostlosen tränen?
wahrscheinlich siehst du nicht einmal mein teures, schwarzes kleid
den prachtvoll geschliffenen grabstein
nein,
an was denkst du denn überhaupt?
hin und her
hin und her
hin und her
mehr nicht?
ich hasse dich,
weil ich dich beneide,
aber nicht einmal das verstehst du.


Autor: Florine Pfleger (21 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Geht es dir schon besser? Kommst du gut damit zurecht? Diese Fragen hat mir ein Fremder mitfühlend zugeflüstert, nachdem ich den Text in einer kleinen Runde vorgetragen habe und mich gerade hinsetzen wollte. Ich denke, genau deshalb habe ich ihn ausgewählt, denn ich war noch nie auf einer Beerdigung eines mir nahestehenden Menschen, noch nie stand ich auf dem Friedhof und hatte derartig schlimme Verlust-Gefühle, dass ich die Schuld in jedem sichtlich Unschuldigen gesucht hätte. Der Text lebt allein von Beobachtung und Empathie, das macht die "krähe" für mich besonders.
Quelle: krähe