Bon voyage
Bon voyage

Lautlos glitt der Aufzug an der gläsernen Außenfassade des Wolkenkratzers empor. Der einzige Fahrgast, eine zierliche, weißhaarige Frau, rang mit Atemnot und Schwindel, so schnell sauste Etage um Etage an ihr vorbei: Büros, Kantinen, Boutiquen, Friseursalons, Kinos, Restaurants, Bars, Bistros ... Ihr nicht mehr junges Gehirn hatte Mühe, der Flut an Empfindungen und Bildern zu folgen.
Als die Kabine in die Wolken eintauchte, verlangsamte sich die Fahrt. Hinter den Fenstern wurden Schülerinnen in Klassenräumen sichtbar, in den Stockwerken darüber Zimmer mit Handabdrücken an den Wänden, spielenden Kleinkindern und Müttern mit Säuglingen auf dem Schoß. Lächelnd schloss sie die Augen, versuchte sich zu erinnern, wie ihre Söhne als Babys ausgesehen hatten – und wie sie zu erwachsenen Männern und Vätern wurden. Es gelang ihr nicht.
Mit einem sanften Ruck stoppte der Aufzug. Blinzelnd öffnete sie die blassen, faltigen Lider. Gleißendes Sonnenlicht über einer in hellem Violett schimmernden, weiten Wiesenlandschaft tat sich vor ihr auf. Ohne ein Geräusch verschwand die gläserne Aufzugstür, und auf einer Leuchtanzeige begannen erst schwach, dann immer deutlicher die Worte Himmelspforte, Endstation und Gute Reise – Bon voyage zu glimmen.
Langsam, ein letztes stummes “Frankreich, oh, wie schön ...“ auf den blauen Lippen, trat die Frau hinaus und sog die warme, nach Lavendel und frischen Kräutern der Provence duftende Luft tief in die eingefallenen Lungenflügel.

© Jana Stolberg


Autor: Jana Stolberg (40 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Freude am Fabulieren und Formulieren – bei diesem Text inspiriert durch das wissenschaftliche Interesse an der Thematik und eine eigene, lang zurückliegende Nahtoderfahrung.
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